"Arche de Zoé" : "Wirklichkeitsfremde Schwärmer"

Französische Helfer wollten Kinder aus Darfur retten, jetzt wird ihnen Menschenhandel vorgeworfen. Der Fall wirft viele Fragen auf.

Ulrike Scheffer

Berlin - Mehr als einhundert afrikanische Kinder in den Händen europäischer Pädophiler oder skrupelloser Organhändler – das klingt wie die Story für einen reißerischen Film. Der Präsident des Tschad, Idriss Déby, jedoch ist überzeugt, einen solchen Skandal tatsächlich gerade noch verhindert zu haben. Er ließ vor wenigen Tagen Mitarbeiter einer französischen Hilfsorganisation und die Crew eines Flugzeuges verhaften, die 103 Kinder im Alter von ein bis acht Jahren aus dem zentralafrikanischen Tschad ausfliegen wollten. Die beschuldigte Organisation „Arche de Zoé“ wehrt sich gegen die Vorwürfe. Sie behauptet, bei den Kindern handle es sich um Waisenkinder aus der Krisenregion Darfur im Sudan. Hunderttausende aus dieser Region haben in Tschad Zuflucht gesucht. Die Kinder sollten nach Frankreich gebracht und dort von Gastfamilien betreut werden, um sie vor dem sicheren Tod zu retten, so die Verantwortlichen.

Dass viele der Kinder gar keine Waisen sind, scheint aber inzwischen sicher. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef, das sie derzeit in einem Waisenhaus mitbetreut, geht zudem davon aus, dass mindestens 48 von ihnen aus dem Tschad und nicht aus dem Sudan stammen. Der französische Fernsehsender France 2 strahlte am Montag eine Reportage aus dem Grenzgebiet zwischen beiden Staaten aus. Darin berichtet ein Mädchen, in sein Dorf sei ein Mann mit Bonbons gekommen und habe es gebeten, mit ihm zu kommen. Ein Junge sagt aus, einen Vater zu haben.

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy kritisierte die Aktion von „Arche de Zoé“ bei einem Telefongespräch mit Idriss Déby als „illegal und inakzeptabel“ . Fachleute und auch die französische Regierung gehen aber dennoch nicht davon aus, dass die vom Tschad erhobenen Vorwürfe zutreffen. „Arche der Zoé“ sei „eine Horde wirklichkeitsfremder Schwärmer“, die wohl aus gutem Glauben gehandelt hätten, sagte die Staatssekretärin im Außenamt, Rama Yade. Für diese Einschätzung spricht, dass die Organisation ihre Pläne schon vor Monaten öffentlich gemacht hatte. In einer Presseerklärung vom 28. April kündigt sie an, 10 000 Kinder aus Darfur retten zu wollen. Familien, die bereit seien, Kinder aufzunehmen, werden aufgefordert, Kontakt zu „Arche de Zoé“ aufzunehmen. Auf der Homepage der Organisation wird das Leid der Kinder in Darfur geschildert und mit Zahlen belegt. Nur durch sofortiges Handeln könne ihr Überleben sichergestellt werden, heißt es. „In einigen Monaten werden diese Kinder tot sein.“ Ganz offen wird auch dargelegt, wie man die jungen Afrikaner ohne bürokratischen Aufwand legal nach Europa bringen wollte. Nach der Ankunft auf einem französischen Flughafen sollte für jedes Kind ein Asylantrag gestellt werden.

Unklar ist, ob den 258 aufnahmewilligen Familien eine Adoption in Aussicht gestellt wurde. Dies versucht nun die französische Polizei zu klären, die bereits am Freitag die Räume der Organisation in Paris durchsuchte. In den zugänglichen Texten äußert sich „Arche de Zoé“ dazu nicht eindeutig. Im Internet heißt es lediglich: „Die Familien kümmern sich einzeln oder kollektiv darum, alles Nötige in die Wege zu leiten, um den formalen Status der Kinder zu regeln.“

Obwohl nach Angaben von Unicef in Darfur täglich bis zu 75 Kinder sterben, halten etablierte Hilfsorganisationen von der Aktion wenig. „Menschlich kann man das sicher nachvollziehen, doch der Ansatz ist falsch“, sagte Thomas Schwarz von Care. Die vom Bürgerkrieg in ihrer Heimat traumatisierten Kindern würden die Verpflanzung in eine fremde Kultur als weiteres Trauma erleben. Wer sich für die Kinder in Darfur und Tschad einsetzen wolle, müsse vor Ort Hilfe organisieren. Er verweist auf Projekte in Ruanda, wo junge Aidswaisen in ihren Dorfgemeinschaften von Paten betreut würden.

Ähnlich äußert sich Inge Elsäßer vom evangelischen Verein für Adoptions- und Pflegekindervermittlung Rheinland, eine der wenigen deutschen Stellen, die ausländische Kinder offiziell nach Deutschland vermittelt. Eine Adoption von Kindern aus einem anderen Kulturkreis werde nur im Ausnahmefall befürwortet, erläutert sie: „Nur wenn es tatsächlich keine Angehörigen mehr gibt und das Heimatland des Kindes erklärt, ihm nicht helfen zu können.“ Voraussetzung sei eine gründliche Einzelfallprüfung. In Krisengebieten wie Darfur könne dies nicht gewährleistet werden. (Mitarbeit Rudolf Balmer)

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