''Arctic Sea'' : Das Geisterschiff

Genau eine Woche ist es an diesem Montag her, dass Russland die Befreiung der „Arctic Sea“ meldete. Noch immer ist unklar, was wirklich auf dem Frachter passierte, der Holz aus Finnland nach Algerien bringen sollte und nie dort ankam.

Claudia von Salzen

Berlin - Genau eine Woche ist es an diesem Montag her, dass Russland die Befreiung der „Arctic Sea“ meldete. Noch immer ist unklar, was wirklich auf dem Frachter passierte, der Holz aus Finnland nach Algerien bringen sollte und nie dort ankam. Die offizielle Version lautet so: Acht Männer aus Estland, Lettland und Russland entführten das Schiff am 24. Juli in schwedischen Hoheitsgewässern. Unter dem Vorwand, ihr Schiff habe einen Maschinenschaden, kamen sie an Bord. „Sie forderten die Besatzung unter der Androhung von Waffengewalt auf, ihren Anweisungen zu folgen“, sagte der russische Verteidigungsminister Anatolij Serdjukow am Dienstag. Bei der Befreiung durch die russische Marine sei kein Schuss gefallen.

Doch die Geschichte klang am Tag der „Rettungsaktion“ selbst ganz anders: Als Serdjukow dem russischen Präsidenten Dmitri Medwedew am Montag vor laufenden Kameras Bericht erstattete, war von Entführern noch keine Rede. Im Gegenteil: Die Seeleute hätten nicht „unter bewaffneter Bewachung“ gestanden, sagte Serdjukow. Später hieß es, die Entführer hätten beim Eintreffen des Kriegsschiffs ihre Waffen ins Meer geworfen.

Der Frachter sei 300 Seemeilen vor den Kapverden „entdeckt“ worden, sagte Serdjukow am vergangenen Montag. Während die Öffentlichkeit in dem Glauben gelassen wurde, das Schiff sei verschwunden, wussten nicht nur die Russen genau, wo sich die „Arctic Sea“ befand. Die Seebehörde von Malta, unter dessen Flagge der Frachter fährt, erklärte, dass Schiff sei „nie wirklich verschwunden“ gewesen. Schweden, Finnland und Malta hätten sich darauf verständigt, die Informationen nicht herauszugeben, um die Seeleute nicht zu gefährden. Eine wichtige Rolle spielte die Nato: Dank ihrer militärischen Aufklärung habe Russland seit dem 12. August – an diesem Tag ordnete Medwedew die „Suche und Befreiung“ des Frachters an – den Kurs der „Arctic Sea“ verfolgen können, sagte Nato-Botschafter Dmitri Rogosin. Demnach hat die Nato Russland regelmäßig mit Daten versorgt. Laut russischen Medien hat dies die Nato bestätigt. Ansonsten hüllten sich Nato und EU auf Bitten der Russen in Schweigen. Bemerkenswert ist auch, dass ein Sprecher der EU- Kommission vor der „Befreiung“ betonte, es handele sich nicht um klassische Piraterie. Außerdem erwähnte er einen zweiten Überfall vor der Küste von Portugal.

Angesichts der fehlenden Informationen wird in Russland heftig spekuliert. So halten Experten es für wahrscheinlich, dass die „Arctic Sea“ mit einer geheimen Fracht unterwegs war – Waffen für Afrika oder den Nahen Osten etwa. Von Marschflugkörpern sowjetischer Bauart für den Iran oder Syrien ist in russischen Zeitungen die Rede. Die „Nowaja Gaseta“ mutmaßte gar, der israelische Geheimdienst Mossad habe ein solches Geschäft zu verhindern gesucht.

Offizielles Ziel der groß angelegten Aktion, bei der Russland Kriegsschiffe der Schwarzmeerflotte einsetzte, war die Rettung der Besatzung. Doch die Seeleute sind noch immer nicht frei: Zusammen mit den Entführern wurden sie in drei riesigen Transportmaschinen nach Moskau geflogen und werden nun im berüchtigten KGB-Gefängnis Lefortowo vom Geheimdienst FSB verhört. Kontakt zu ihren Familien haben sie nicht. Und die „Arctic Sea“ mit ihrer für Algerien bestimmten Fracht? Nach Kreml-Angaben hat sie Kurs auf den Schwarzmeerhafen Noworossijsk genommen. Fast könnte man meinen, sie sei ein zweites Mal verschwunden.

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