Politik : Argentinische Militärdiktatur: Fahndung nach dem Folterer

Elvira Treffinger

Ihren 30. Geburtstag erlebte Elisabeth Käsemann in einem Folterlager der argentinischen Militärdiktatur. Es war der 11. Mai 1977. Zwei Wochen später war die Tochter des Tübinger Theologen Ernst Käsemann tot, hinterrücks erschossen. Zwei Jahrzehnte nach dem Verbrechen will die Nürnberger Justiz den Fall aufklären: Am Donnerstag erging internationaler Haftbefehl wegen dringenden Mordverdachts gegen den damaligen Heereskommandeur für die Region Buenos Aires, den früheren General Carlos Guillermo Suarez Mason. Er wird der "mittelbaren Täterschaft" beschuldigt.

Die Geschwister von Elisabeth Käsemann hatten 1999 in Deutschland Strafanzeige wegen Mordes, Geiselnahme und gefährlicher Körperverletzung erstattet. In Argentinien scheitern Strafverfahren an Amnestiegesetzen. Auch in 30 weiteren Fällen entschlossen sich Angehörige deutscher oder deutschstämmiger Opfer der Diktatur (1976 - 1983) in der Bundesrepublik zur Anzeige, darunter Familien verschleppter Mercedes-Benz-Betriebsräte.

Die deutsche Studentin Käsemann, die in Buenos Aires arbeitete und ein theologisches Seminar besuchte, verschwand in der Nacht zum 9. März 1977. Obwohl fest verabredet, erschien sie nicht zum Frühstück mit ihrer Freundin. "Es war klar, dass etwas geschehen war", berichtet die britisch-amerikanische Pastorin Diana Austin-Houston. "Wir halfen beide, Verfolgte außer Landes zu bringen, das war unser Widerstand."

Die Argentinierin Elena Alfaro, die heute in Frankreich lebt, traf die deutsche Studentin Mitte Mai 1977 im geheimen Haftlager "El Vesubio": "Sie war völlig abgemagert und hatte Verletzungen an den Handgelenken." Am Abend des 23. Mai sah sie sie zum letzten Mal, als Käsemann und andere "zur Verlegung" gerufen wurden. Die Häftlinge wussten: "Das war das Todesurteil."

Austin-Houston und Alfaro haben als Zeuginnen vor Gericht in Nürnberg ausgesagt. Laut Staatsanwaltschaft wurde Käsemann in der Nacht zum 24. Mai mit Handschellen und Kapuze an einen anderen Ort gebracht und dort "unter Ausnutzung ihrer Arg- und Wehrlosigkeit durch Schüsse in Genick und Rücken aus unmittelbarer Nähe getötet".

Die Militärjunta versuchte, Käsemann als Terroristin zu diffamieren und stellte einen falschen Totenschein aus. Die Deutsche sei untergetaucht und bei einem Feuergefecht mit Montonero-Guerilleros umgekommen, hieß es. Doch nach der Überführung der Leiche ergab die zweite Obduktion in Tübingen jene Schüsse in Genick und Rücken wie bei einer Exekution.

Als Heereskommandant habe Suarez Mason absolute Befehlsgewalt für seine Zone gehabt, ergaben die Ermittlungen. Er habe jede Verhaftungsaktion kontrolliert und sei Herr über Leben und Tod der Gefangenen gewesen. Damit sei er mittelbarer Täter im Sinne des Strafgesetzes. Die Ermittlungen zum Nachweis der Befehlskette zwischen Beschuldigten und Tätern waren nach den Worten des Leitenden Oberstaatsanwalts Klaus Hubmann sehr aufwendig.

Der Fall Käsemann brachte der sozialliberalen Koalition von Kanzler Helmut Schmidt und Außenminister Hans-Dietrich Genscher viel Kritik ein. Ihr wurde immer wieder vorgeworfen, nach dem Verschwinden der Studentin zu wenig zu ihrer Rettung unternommen zu haben. Am 2. Juni 1977 meldete eine argentinische Zeitung den Tod Käsemanns. Aber erst am 6. Juni gab das Auswärtige Amt die Nachricht an ihre Familie in Deutschland weiter: einen Tag nach einem Fußballländerspiel zwischen der Bundesrepublik und Argentinien.

Der Haftbefehl werde eine internationale Fahndung nach Suarez Mason auslösen, sagt der Sprecher der Nürnberger Staatsanwaltschaft, Bernhard Wankel. Wenn der Ex-Militär Argentinien verlasse, müsse er mit seiner Festnahme und einem Auslieferungsverfahren, ähnlich wie im Fall des chilenischen Ex-Dikators Augusto Pinochet in London, rechnen.

Wegen des Verschwindens von Mercedes-Betriebsräten wird seit Donnerstag zudem vor einem Wahrheitstribunal in La Plata, der Hauptstadt der Provinz Buenos Aires, ermittelt. Mindestens 14 Betriebsratsmitglieder verschwanden während der Diktatur in dem Ort Gonzalez Catan.

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