Ariel Scharon : Ein israelischer Patient

Ariel Scharon lenkte einst die Geschicke des Staates Heute interessiert sich vor allem das Ausland für ihn.

Gil Yaron/Christian Böhme

Tel Aviv/Berlin - Er stand jahrzehntelang im Rampenlicht der israelischen Politik. Eine in vielerlei Hinsicht öffentliche Persönlichkeit. Und nun? Allein die engsten Vertrauten dürfen das Zimmer von Ex-Premier Ariel Scharon im Scheba Krankenhaus bei Tel Aviv betreten. Und die müssen an bewaffneten Wachen des Geheimdiensts vorbei, die ungebetene Besucher im Korridor abfangen. Einzig und allein die Söhne sind befugt, Auskunft über den Gesundheitszustand des heute 85-Jährigen zu geben.

Doch sie meiden die Medien, lehnen Interviews kategorisch ab. Stattdessen haben sich Omri und Gilad Scharon vollends der Pflege ihres Vaters gewidmet, der seit mehr als sieben Jahren im Koma liegt. Tagtäglich bekommt er klassische Musik zu hören. Sie bringen ihm Blumen, stauben die Fotos der Enkel ab. Jeden Morgen lesen die Söhne aus der Zeitung vor. Manchmal wird ihm sogar sein Lieblingsessen zubereitet. Dessen Duft soll die Sinne des Komapatienten stimulieren. Lebenswichtige Kalorien erhält Scharon allerdings nur noch durch künstliche Ernährung. In dieser Woche musste das kleine Röhrchen, das durch die Bauchdecke direkt in seinen Magen geht, erneuert werden. Die einstündige Operation sei ohne Komplikationen verlaufen, teilte die Klinikleitung mit. Scharon solle bald in sein Krankenzimmer zurückkehren.

Die Öffentlichkeit wird allerdings davon wohl nicht groß Notiz nehmen. Die meisten Israelis interessieren sich kaum noch für den alten Herren, den man einst wahlweise verfluchte oder bewunderte, hasste oder verehrte. Wie wenige andere Politiker seiner Generation provozierte er gern und viel. Dennoch sind sich Anhänger und Gegner des „Bulldozers“ einig: Kaum einer hat den jüdischen Staates so geprägt wie Ariel Scharon – erst als Hardliner, dann als Realist. „Arik“ (so nennen ihn seine Freunde) diente dem jüdischen Staat seit seiner Gründung 1948 und machte sowohl im Militär als auch in der Politik eine steile Karriere. Elitesoldat, General, Minister und Regierungschef: Scharon schaffte es bis ganz nach oben. Dabei spielten fast immer der Konflikt mit den Palästinensern und die Kriege mit den arabischen Nachbarn eine zentrale Rolle.

So attestierte eine israelische Regierungskommission Scharon eine „indirekte Verantwortung“ für das 1982 von Falangisten verübte Massaker in den libanesischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila. Begleitet von bewaffneten Personenschützern besuchte er als Oppositionspolitiker im Jahr 2000 den Jerusalemer Tempelberg. Der „Spaziergang“ löste gewalttätige Proteste der Palästinenser aus, die in einem Aufstand gegen die israelischen Besatzer mündeten. Während der zweiten Intifada gab es Tausende Anschläge und ebenso viele Tote.

Doch Scharon war es eben auch, der als Premier 2005 die Räumung des Gazastreifens durchsetzte. Tausende jüdische Siedler mussten ihre Häuser aufgeben und wurden umgesiedelt – eine Zerreißprobe für die israelische Gesellschaft. Nur: Vieles, was mit Scharons Wirken verbunden war, gerät selbst in Israel in Vergessenheit. Im politischen Alltag des jüdischen Staates findet er kaum noch Erwähnung. Der heutige Premier, Benjamin Netanjahu, hatte sich mit Scharon nach dem Gaza-Abzug überworfen.

Im Ausland dagegen wird immer wieder nach dem Gesundheitszustand des Mannes gefragt, der 2006 nach einer Gehirnblutung in dauerhafte Bewusstlosigkeit versank. Im Januar zum Beispiel gingen die Ergebnisse einer besonderen Hirnuntersuchung Scharons um die ganze Welt. Experten wollten mit modernsten Geräten feststellen, wie stark Areale in seinem Gehirn noch durchblutet werden, also der Frage nachgehen, ob und wie der Patient auf äußere Reize reagiert. Nach den Tests präsentierten die behandelnden Ärzte ein überraschendes Ergebnis: „Die Untersuchung zeigte wesentliche Hirnaktivitäten in passenden Arealen.“ Und dies beweise, dass Scharon „sensorische Daten verarbeiten“ könne.

Was das allerdings letztendlich bedeutet, blieb unklar. Und am Gesundheitszustand hat sich seitdem nichts verändert. So liegt der einst mächtige Mann weiter im Koma und bleibt Israels bekanntester Patient. Gil Yaron/Christian Böhme

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