Politik : Arm oder zynisch?

Von Harald Martenstein

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Ich kann Helmut Schmidt verstehen. Der Altbundeskanzler hat gesagt, dass ihm die „Armutsjammerei“ auf die Nerven geht. Leute, die Hartz IV haben, besäßen ungefähr den gleichen Lebensstandard, den er in seiner Jugend gehabt hat. Man könnte auch darauf hinweisen, dass in der Welt von heute Millionen von Menschen von einem solchen Lebensstandard träumen. Ist jemand „arm“, der eine geheizte Wohnung hat, Fernsehen, genug Kleider und genug zu essen? Ich meine: nein. Es gibt bei uns Arme. Aber das fällt kaum auf, denn der Begriff „arm“ ist inflationiert worden. Wer nicht im Wohlstand lebt, heißt bei uns „arm“.

Wer so etwas sagt, bekommt immer das gleiche Wort zu hören. Es heißt „zynisch“. Die Definition von „zynisch“ lautet in unserer Gesellschaft so: Ein Zyniker ist jemand, der die Wahrheit sagt.

Natürlich hat es nicht immer etwas mit Leistung zu tun, ob jemand viel oder wenig Geld hat. Das Leben ist ungerecht – auch so ein zynischer, aber leider wahrer Satz. Die Versuche, dem Leben seine Ungerechtigkeit restlos auszutreiben, haben allerdings immer in der Tyrannei geendet. Es ist wirklich Unsinn, in einem Land mit sehr hohem Lebensstandard jeden automatisch „arm“ zu nennen, der weniger als 60 oder 50 Prozent des sehr hohen Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat. Der Staat kann diese Art von „Armut“ auch gar nicht bekämpfen, denn er ist in den letzten Jahrzehnten nicht in dem gleichen Maß reicher geworden wie die Gesellschaft, und es wäre Irrsinn, jedem heutigen Hartz-IV-Empfänger, sagen wir, 800 Euro zur Verfügung zu stellen, dafür aber Schulen und Universitäten verrotten zu lassen, denn darauf liefe es hinaus.

Die Nichtzyniker rufen dann immer: Nehmt es den Reichen! Nehmt es Ackermann! Sicher, Manager-, Popstar- und Fußballereinkommen sind absurd hoch. Interessanterweise möchte aber auch von den Nichtzynikern fast niemand in einer Gesellschaft leben, in der alle das Gleiche verdienen und in der sie, die Nichtzyniker, keinerlei Chance auf Aufstieg, vielleicht sogar auf Reichtum besitzen. Ungerecht ist immer nur der Wohlstand der anderen.

Viele Menschen hätten ein besseres Leben „verdient“, wenn es gerecht zuginge, und die Tatsache, dass es perfekte Gerechtigkeit wahrscheinlich nur in der Hölle gibt, bedeutet ja nicht, dass einem Gerechtigkeit völlig schnurz sein muss. Ungerecht ist es zum Beispiel, wenn das Nichtarbeiten genauso viel Geld bringt wie das Arbeiten.

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