Politik : Arme Alte

Rentner in Osteuropa fühlen sich vom Staat allein gelassen. Eine UN-Konferenz fordert von der Gesellschaft bessere Sicherungssysteme

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Von Ruth Ciesinger

Katarina Ivanisevic lebt von 110 Euro Rente im Monat, und das ist noch viel. Bekannte von ihr bekommen etwa 70 Euro, manche nur die Hälfte, erzählt die zierliche 73-Jährige. Wer in Sarajevo einkaufen geht, zahlt im Supermarkt aber nicht viel weniger als in Berlin. Dass mit dem Alter oft die Armut kommt, ist ein weltweites Phänomen. Zusammen mit schlechter medizinischer Versorgung ist sie in Ost- und Zentraleuropa aber besonders problematisch, sagt Mark Gorman von „HelpAge International“.

Die Hilfsorganisation hat für die Studie „Eine Generation im Umbruch“ das Leben alter Menschen in ehemaligen Ostblockstaaten untersucht. Der Zusammenbruch der politischen Systeme hat auch die Alterssicherung kollabieren lassen. Im Rahmen der UN-Ministerkonferenz zu Altersfragen, die am Freitag in Berlin zu Ende geht, haben Betroffene ihr Schicksal selbst geschildert. Die Bosnierin Katarina Ivanisevic hat 40 Jahre als Hebamme gearbeitet. Dann kamen die Kriege auf dem Balkan, die Inflation. Jetzt arbeitet sie wieder – als Freiwillige in einer Hilfsorganisation für Alte, denen sie Spritzen setzt, oder für die sie einkaufen geht.

Alte Menschen, die mit zupacken, sind in diesen Ländern die wichtigsten Mitarbeiter der Hilfsorganisationen, sagt Gorman. Trotzdem müssten die Regierungen mehr für alte Menschen tun und bräuchten zudem Unterstützung von außen. Diese internationale Zusammenarbeit und Aufmerksamkeit für eine sich wandelnde Gesellschaftsstruktur ist ein Hauptanliegen der Berliner UN-Konferenz. In 100 Jahren werde sich die Alterspyramide in der europäisch-nordamerikanischen Region auf den Kopf gestellt haben, warnte die Gastgeberin, Bundesfamilienministerin Christine Bergmann. In 50 Jahren sei jeder dritte Mensch über 60. Deshalb betreffe eine älter werdende Gesellschaft auch nicht nur die Rentner selbst, sondern alle Bereiche des Lebens, besonders die Ausbildung und den Beruf.

Im Abschlussdokument der Berliner Konferenz konkretisieren dementsprechend die 55 Mitgliedstaaten der Regionalkommission „UNECE“ für Europa und Nordamerika den zweiten Welt-Altenplan. Dieser war erst Anfang des Jahres in Madrid verabschiedet worden. Neben dem Bekenntnis, dass alle gesellschaftlichen Bereiche auf das steigende Alter der Menschen reagieren müssen, bezieht man sich jetzt unter anderem auf die sozialen Sicherungssysteme, die angepasst werden müssen, sowie neu zu entwickelnde Arbeits- und Weiterbildungsstrukturen. Letzteres hält Ministerin Bergmann in Deutschland für besonders wichtig; Es könne nicht angehen, dass bei den 55- bis 64-Jährigen nur noch 37 Prozent einen Job hätten.

Die ebenfalls geladenen Nicht-Regierungsorganisationen sind – ungewöhnlich für eine UN-Konferenz – mit deren Ergebnis relativ zufrieden. Gertraud Daye von „Eurag“, einem Dachverband von über 150 Hilfsorganisationen, lobt besonders die deutsche Regierung, die sich bemüht habe, das Wissen der Betroffenen bei den Vorbereitungen mit einzubeziehen. Ebenfalls erfreut ist sie, dass in die Abschlusserklärungen auch die Probleme alter Flüchtlinge und die Gewalt gegen alte Menschen aufgenommen worden sind. Eines allerdings hält sie, ebenso wie manche Regierungsvertreter, für bedauerlich: In der endgültigen Fassung des „Regionalen Strategie-Abkommens“ ist – im Gegensatz zu früheren Plänen – fast keine Kontrolle für die Fortschritte der UN-Ziele mehr vorgesehen.

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