Politik : Armee der Unzufriedenen

Die Aufständischen im Irak haben keine Nachwuchssorgen – viele Arbeitslose kämpfen sogar für Geld

Birgit Cerha[Beirut]

Von einer friedlichen Zukunft ist der Irak weit entfernt. Jeder, der mit der Übergangsregierung von Ijad Allawi kooperiert, ist ein potenzielles Opfer der irakischen Widerstandskämpfer. Diesmal sind es Rekruten für Polizei- und Sicherheitskräfte und mit ihnen viele unbeteiligte Zivilisten. 70 Menschen starben bei einem Selbstmordanschlag in Bakuba, rund 70 Kilometer nordöstlich von Bagdad. Die Stadt Bakuba liegt im „sunnitischen Dreieck“.

Wie Bakuba sind auch andere Regionen des Landes de facto in den Händen der Aufständischen. Samara wird von Hunderten Bewaffneter kontrolliert. Falludscha und Ramadi sind quasi autonome „Republiken“. Selbst US-Offiziere geben inzwischen zu, dass der irakische Widerstand stärker ist als lange angenommen. Klar ist inzwischen auch, dass nicht einige ausländische Fanatiker die Hauptverantwortung für die Gewalt tragen, sondern überwiegend die Iraker selbst. Unabhängige Experten identifizieren zwei Quellen des Terrors: eine relativ kleine Gruppe von Islamisten, angeführt vom Jordanier Abu Musa al Sarkawi, der Kontakte zur Terrororganisation Al Qaida von Osama bin Laden unterhält; und eine Gruppe überwiegend sunnitischer Iraker. Nach Schätzungen von Geheimdienstkreisen verfügt Sarkawis Netzwerk über 500 bis tausend Mann, darunter auch einige islamistische Kurden der „Ansar al Islam“ sowie zahlreiche Ausländer. Sarkawi und der irakische Widerstand scheinen getrennt voneinander zu operieren.

Den Kern des Widerstandes bilden irakische Sunniten, Anhänger der einst herrschenden Baath-Partei, die von Angehörigen der nie aufgelösten Sicherheitsdienste Saddam Husseins geführt werden. Wie die jüngsten Überfälle und Terrorakte beweisen, agieren sie diszipliniert und professionell. Unabhängige Experten meinen, dass sich die Widerstandsbewegung auf Tausende von Freiwilligen stützen kann, „Teilzeit-Terroristen“, die ein ganz normales Leben führen. Manche Militärexperten sehen einen Hinweis auf die wahre Stärke dieser Gruppe in der Zahl der Verdächtigen, die in den vergangenen Monaten einige Zeit in US-Haft verbracht hatten: insgesamt an die 22 000, die meisten wurden wieder freigelassen.

Ein Journalist der „Asia Times“ hatte jüngst Gelegenheit, an einem geheimen Ort mit drei Irakern zusammenzutreffen, die sich als frühere Generäle der Armee Saddam Husseins ausgaben und eine führende Rolle im irakischen Widerstand spielen. Nach ihren Angaben wird „die große Schlacht um den Irak“ erst noch geschlagen. „Die Amerikaner“, so einer der Offiziere, der seinen Namen verschwieg, „haben den Krieg vorbereitet, wir haben uns für die Nachrkiegsphase gerüstet“. Als Ziel ihres Kampfes nennen die Offiziere die „Befreiung des Irak“ von ausländischen Truppen und die Errichtung einer säkularen Demokratie. Obwohl im irakischen Widerstand auch Anhänger Saddam Husseins agieren, geht es den meisten wohl nicht darum, den ehemaligen Diktator wieder an die Macht zu bringen.

Nach Erkenntnissen von Geheimdiensten agieren die Aufständischen in Dutzenden regionalen Zellen, die häufig von Stammesführern geleitet und von sunnitischen Geistlichen inspiriert werden. Nach Aussagen von Widerstandskämpfern gehe es vor allem darum, die Regierung Allawi zu Fall zu bringen. Die Wiederstandsbewegung hat keine Probleme, Nachwuchs zu finden. Viele sind arbeitslos und kämpfen ausschließlich für Geld. Wichtige Hilfe für den Widerstand liefern nach jüngsten Erkenntnissen ins Ausland geflüchtete Baath-Offiziere, die häufig auch mit religiösen Slogans um Unterstützung werben.

Die Regierung Allawi ist in einem Teufelskreis gefangen. Mit militärischen Mitteln lässt sich der Widerstand nicht brechen. Allawi könnte nur versuchen, Sympathisanten der Rebellen – etwa durch Amnestieangebote – für sich zu gewinnen und die Führer allmählich zu isolieren. Dafür aber ist das Vertrauen der Bevölkerung unabdingbare Voraussetzung.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben