Armenierfrage in der Türkei : Gründungsmythos und Staatsehre

22.12.2011 10:29 UhrVon Thomas Seibert
"Frankreich, hör auf!" In Ankara protestieren Türken gegen das geplante französische Gesetz, das die Leugnung des Völkermords an den Armeniern unter Strafe stellen soll. Foto: Reuters
"Frankreich, hör auf!" In Ankara protestieren Türken gegen das geplante französische Gesetz, das die Leugnung des Völkermords an den Armeniern unter Strafe stellen soll. - Foto: Reuters

Warum sich Türkei so heftig gegen den Vorwurf des Armenier-Völkermordes wehrt: Sorgen um Reparationszahlungen spielen nur eine Nebenrolle. Es geht um das türkische Selbstverständnis.

Immer wenn die Armenierfrage auf der internationalen Bühne zum Thema wird wie derzeit in Frankreich, reagiert die Türkei mit parteiübergreifender Empörung und Sanktionsdrohungen. Kein anderes historisches Thema bringt die türkische Politik so in Rage wie die Ereignisse von 1915 bis 1917, als im untergehenden Osmanischen Reich mehrere hunderttausend Armenier bei Massakern und Todesmärschen ums Leben kamen.

Warum wehrt sich die moderne Türkei so heftig gegen den Vorwurf eines Völkermordes, der mehrere Jahre vor ihrer eigenen Gründung im Jahr 1923 verübt wurde?

Die Sorge wegen möglicher Reparations- oder Gebietsansprüchen der Armenier spielt bei den türkischen Reaktionen nur eine Nebenrolle. Viel wichtiger ist die Erschütterung der türkischen Staatsehre. Generationen von Türken sind mit dem Leitgedanken erzogen worden, dass ihr Land eine „historisch saubere Nation“ ist, wie es der deutsche Historiker Christoph K. Neumann einmal ausgedrückt hat. Das betrifft nicht nur den Staat von Mustafa Kemal Atatürk, der 1923 auf den Trümmern des Osmanischen Reiches gegründet wurde. Türkische Schulbücher lehren zudem, dass die Osmanen von Minderheiten wie den Armeniern von innen angegriffen wurden – etwa durch armenische Freischärler, die in Ostanatolien die anrückenden russischen Truppen unterstützten.

Der Vorwurf, die osmanische Regierung habe 1915 die Armenier als Volk auslöschen wollen, trifft deshalb gleich mehrere empfindliche Nerven der modernen Türkei. Einige Gründerväter der Republik waren im Ersten Weltkrieg in die Massaker an den Armeniern verwickelt. Mehrere Männer, die bei der Befreiung Anatoliens von der Besatzung der Weltkriegs-Siegermächte in den Jahren zwischen 1918 und 1923 mitwirkten, wurden als mutmaßliche Drahtzieher von Massakern gegen die Armenier gesucht. Wenn der moderne türkische Staat dies als Tatsache akzeptiert, bringt er die bisherige Vorstellung von der „sauberen“ Nation zum Einsturz. Das Armenier-Thema ist laut Neumann „eine Frage der türkischen Identität geworden“.

Ein Eingeständnis, dass die Osmanen viele wehrlose Menschen, darunter Alte, Frauen und Kinder, rücksichtslos abschlachten ließen, nur weil es sich um Armenier handelte, ist für Ankara noch aus einem anderen Grund schwierig: Ein solcher Schritt würde die Osmanen, die von der offiziellen Geschichtsschreibung als Opfer innerer und äußerer Intrigen dargestellt werden, mit einem Schlag zu Tätern werden lassen. Auch das hätte weitreichende Folgen für das türkische Selbstverständnis.

Inzwischen gibt es in der Türkei etliche Intellektuelle, Wissenschaftler und Journalisten, die diese für ihre Landsleute unangenehmen Zusammenhänge offen diskutieren und fordern, die Republik müsse den dunklen Kapiteln ihrer Geschichte ins Auge sehen. Bei anderen schlimmen Ereignisse, wie staatlichen Massakern an kurdischen Aleviten in den 1930er Jahren, bei denen mehr als 10.000 Zivilisten starben, ist dies inzwischen geschehen: Ministerpräsident Erdogan entschuldigte sich kürzlich „im Namen des Staates“ für das begangene Unrecht.

Im Fall der Armenier-Massaker ist dies wesentlich schwieriger, weil die Grundfesten der Republik berührt sind. Dennoch habe die offenere Debatte seit einigen Jahren eine „Rückkehr der Erinnerung“ ermöglicht, sagt der Istanbuler Politologe Cengiz Aktar. Ziel sei ein ehrlicherer Umgang mit der Geschichte. Aktar und andere sind überzeugt, dass die türkische Gesellschaft heute dazu bereit ist. Der türkische Staat ist es allerdings noch nicht.

Videos - Politik

Umfrage

Immer wieder wird der Verbleib Griechenlands in der Eurozone kontrovers diskutiert. Was denken Sie?

Service

Grüne Geschäfte - Der Blog

Wir können's besser: Für eine Wirtschaft, die Ressourcen und Klima schont
Der Blog von Tagesspiegel-Autorin Dagmar Dehmer und der Zeit-Online-Autorin Marlies Uken.

Rechtsextremismus in Deutschland

Weitere Themen

Das Kernkraftwerk Philippsburg im Landkreis Karlsruhe. Foto: dapd

Die aktuellen Tagesspiegel-Artikel aus unserem Atomkraft-Themenressort.

Atomkraft

Umfrage

Peter Altmaier von der CDU wird der neue Umweltminister - ist er der richtige Mann für den Posten?

Todesopfer rechter Gewalt

Tagesspiegel-Abo

Foto:

Werden Sie Tagesspiegel-Abonnent und sichern Sie sich tolle Prämien. Spezielle Angebote finden Sie in unserem Aboportal.

Leser werben Leser - Vermitteln Sie einen neuen Tagesspiegel-Leser und wählen Sie Ihre Wunschprämie.

Studentenabo - Profitieren Sie von unseren günstigen Studentenangeboten.

Probeabo - 14 Tage kostenlos den Tagesspiegel lesen.

Tagesspiegel App für iPhone und iPad.

Aboservice - Ob Urlaub, Umzug oder Schwierigkeiten bei der Zustellung - wir helfen Ihnen weiter.

Tagesspiegel Abo
Deutsche ISAF-Soldaten: Der Krieg in Afghanistan geht ins elfte Jahr. Foto: dapd

Der Einsatz am Hindukusch neigt sich dem Ende zu. Eine Übersicht über alle Artikel zum Afghanistan-Krieg finden Sie hier.

Alles über Afghanistan
Wie geht es weiter mit dem Euro und der EU? Foto: Reuters

Zehn Jahre Euro. Alle Artikel zur Finanzeskalation im Krisenjahr 2011, wirtschafts- und finanzpolitische Themen in unserem Themenressort.

Euro-Krise

Krankenkassen-Vergleich

Foto:

• Beitragsrechner
• Versicherungsvergleich
• Tipps zum Wechsel

Der schnelle Weg zur günstigen Krankenkasse.

Hier vergleichen
Foto:

Das politische Geschehen in der Hauptstadt. Hautnah. Alles über die Berliner Landespolitik und ihre Akteure lesen Sie hier.

Berliner Landespolitik
Braunkohle-Tagebau des Vattenfall-Konzerns bei Jänschwalde .Aus Jänschwalde und Cottbus-Nord werden täglich zirka 60.000 Tonnen Braunkohle gefördert. Mit dieser Energie kann der Tagesbedarf einer Großstadt gedeckt werden. Foto: dpa

Solarenergie, Berichte von den Klimakonferenzen, Atomkraft und vieles mehr aus den Themenbereichen "Energie und Umwelt".

Energie

Biowetter, Deutschlandwetter und internationales Wetter, Niederschlagsmengen, Reisewetter und aktuelle Satellitenbilder. Behalten Sie das Wetter im Griff!

Tagesspiegel Wetterseite