Armut : An der Schwelle

Einer Studie zufolge wächst in Deutschland das Risiko zu verarmen – vor allem für Junge. Woran liegt das?

 Rainer Woratschka
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Der Hauptgrund ist natürlich die Arbeitslosigkeit. Allerdings ist das Armutsrisiko aus Expertensicht in den vergangenen Jahren auch für immer mehr Menschen gestiegen, die einem regelmäßigen Job nachgehen. Das Problem trägt den Namen Niedriglohnsektor. Durch dessen Ausweitung können viele in Deutschland inzwischen selbst von einem 40-Stunden-Job nicht mehr leben, geschweige denn ihre Familie ernähren. Und während die Einkommen des reichsten Zehntels in den vergangenen acht Jahren real um 14,5 Prozent zulegten, sanken die des untersten Fünftels um reale acht Prozent.

Wie viele Menschen in Deutschland leben unter der Armutsschwelle?

Im Jahr 2008, so hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ermittelt, lebte hierzulande bereits jeder Siebte unter der Armutsgrenze. Betroffen seien rund 14 Prozent der Bürger, also rund 11,5 Millionen Menschen, berichteten die DIW-Forscher Markus Grabka und Joachim Frick. Vor zehn Jahren waren es zehn Prozent. Beim Statistischen Bundesamt liegt die Quote der Armutsgefährdeten sogar um einen Prozentpunkt höher: Zwischen 2006 und 2007 stieg sie von 13 auf 15 Prozent, wo sie nach Auskunft eines Sprechers auch im Jahr 2008 verharrte.

Wie ist Armut definiert?

Der Begriff ist relativ. In einer Studie der Asiatischen Entwicklungsbank und der Vereinten Nationen etwa, die zeitgleich am Mittwoch veröffentlicht wurden, ist von Menschen die Rede, die am Tag weniger als 90 Cent zum Leben haben. Für sie bedeutet Armut Hunger, Krankheit und Existenzangst. In Europa dagegen orientiert sich der Armutsbegriff am Vergleich mit Anderen in der Gesellschaft. Als armutsgefährdet gelten hier Menschen, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens beträgt. Und arm sind nach einer Definition der Europäischen Kommission diejenigen, die weniger als 50 Prozent dieses Durchschnittseinkommens haben. Was dann auch bedeutet: Wenn dieser Durchschnitt steigt, sind die Armen im existenziellen Sinne weniger arm. Wenn er sinkt, sind sie es umso mehr. Laut Grabka ist leider letzteres geschehen. Im Jahr 2000 lag das mittlere Jahreseinkommen bei 17 966 Euro, acht Jahre später betrug es nur noch 17 806. Besonders drastisch fiel der Rückgang in Ostdeutschland aus, er lag dort bei 2,5 Prozent. Die Armen in Deutschland sind also nicht nur mehr geworden, sie sind, absolut besehen, auch ärmer.

Wer ist in Deutschland vor allem armutsgefährdet und warum?

Betroffen sind vor allem zwei Gruppen: junge Erwachsene und Haushalte mit Kindern. Unter den 19- bis 25-Jährigen lebte 2008 knapp jeder Vierte unter der Armutsschwelle. Und immer enger wird es auch für kinderreiche Familien. Bei drei Kindern liegt das Armutsrisiko bereits bei knapp 22 Prozent, bei vier Kindern und mehr bei 36 Prozent. Das wird nur noch getoppt durch die Armutsrate bei Alleinerziehenden mit minderjährigen Kindern, die über 40 Prozent beträgt.

Bei Alleinerziehenden liegt der Grund auf der Hand. Sie sehen sich, obwohl gut qualifiziert, oft außerstande zu einem Vollzeitjob und verlieren den Tritt im Berufsleben. In kinderreichen Familien muss oft und über viele Jahre ein Gehalt für alle reichen. Und dass es die Jüngeren so trifft, hat aus Sicht der DIW-Autoren drei Gründe. Erstens: Die Dauer der Ausbildung hat ebenso zugenommen wie der Anteil der Hochschulabsolventen insgesamt – was den Einstieg ins Berufsleben verzögert. Zweitens: Vielen Berufsanfängern bleibt nichts anderes übrig, als über schlecht bezahlte Praktika und prekäre Arbeitsverhältnisse ins Arbeitsleben einzusteigen, es dauert länger, bis sie gut verdienen. Und drittens gebe es den Trend, das Elternhaus früher zu verlassen, was die finanzielle Belastung erhöht.


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Gibt es auch Altersgruppen, die kaum armutsgefährdet sind?

Relativ gut stünden die 46- bis 55-Jährigen da, sagt Studienautor Joachim Frick. Auch Personen am Übergang zum Ruhestand seien wenig gefährdet, in Armut abzurutschen. Erst ab dem 75. Lebensjahr steige dieses Risiko wieder. Der Grund: ein höherer Anteil von Witwen mit geringeren Alterseinkünften. Knapp ein Fünftel der allein lebenden alten Frauen lebe unter der Armutsschwelle, sagt Frick. Älteren Paare drohe dagegen keine Armut.

Selbst der Bankenverband, dessen Mitglieder vom Verkauf zusätzlicher Alterssicherungen leben, sieht das so. „Eine generelle Gefahr der Altersarmut ist für die Zukunft nicht zu erkennen“, sagte Geschäftsführer Bernd Brabänder am Mittwoch. Nur 2,5 Prozent der über 64-Jährigen nahmen 2008 die Grundsicherung in Anspruch. Allerdings müsse man, weil das gesetzliche Rentensystem an Vollzeitarbeit und durchgängigen Erwerbsbiografien orientiert sei, für die Zukunft dennoch stärker individuell vorsorgen.

Gibt es auch geografische Unterschiede?

Laut DIW leben im Osten etwa 19 Prozent, im Westen nur 13 Prozent der Bürger unter der Armutsschwelle. Die Gründe dafür lägen hauptsächlich im Arbeitsmarkt. Nach einem „Armutsatlas“ des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes ist Vorpommern die ärmste Region Deutschlands. Im Jahr 2007 waren dort 27 Prozent der Menschen armutsgefährdet. Im Schwarzwald lag die Quote bei nur 7,4 Prozent. Mecklenburg-Vorpommern (24,3 Prozent), Sachsen-Anhalt (21,5 Prozent) und Sachsen (19,6 Prozent) kommen auf die meisten Armen. Die wenigsten leben in Baden-Württemberg (10 Prozent) und Bayern (11,7 Prozent). Berlin liegt mit 17,5 Prozent im Mittelfeld. Allerdings gibt es auch Unterschiede innerhalb der Länder. Im östlichen Oberfranken etwa lag die Quote bei 15,1 Prozent – fast doppelt so hoch wie im südlichen Bayern.

Wie lässt sich dem steigenden Armutsrisiko begegnen?

Nicht mit der Gießkanne, meinen die beiden DIW-Experten. Den Kern des Problems beseitigten weder höhere Hartz- IV-Sätze noch eine Anhebung des Kindergeldes. „Finanzielle Unterstützung allein bekämpft zwar Symptome, kuriert aber nicht die Ursachen von Armut“, schreiben Grabka und Frick. Nötig sei stattdessen ein auf die jeweiligen Zielgruppen zugeschnittener „Mix“ aus finanzieller und nicht-finanzieller Unterstützung. „Investitionen in Betreuungseinrichtungen und in die Verbesserung der Erwerbschancen für Alleinerziehende und Eltern junger Kinder könnten hier effektiver wirken.“

Als Beweis für ihre These führen die Forscher Erfolge der Vergangenheit an. So sei das Armutsrisiko in Haushalten mit Pflegebedürftigen kurz nach der Einführung der Pflegeversicherung gesunken, sagte Frick. Nach der Einführung des Elterngeldes habe man Ähnliches bei Erziehenden beobachtet, und auch das größere Kinderbetreuungsangebot habe geholfen. Aber: Die Armutszunahme insgesamt konnte all das nicht stoppen.

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