Armut in den USA : Ihr Weg ins Zelt

Nickelsville ist ein Notlager in Seattle, eine „Tent City“, gegründet im September 2008, kurz nach der Pleite von Lehman Brothers. Damals drohte eine Wirtschaftskrise, inzwischen ist sie da – und es wird erwartet, dass die Camps der Armen sich quer durch die USA ausbreiten

Christoph von Marschall[Seattle]
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Viele Menschen in den USA sind verarmt und haben ihr Haus verloren. -Foto: Getty

Bruce Beavers war Manager des Warenlagers einer Firma, die mit Konserven handelt. Zusammen mit dem Gehalt seiner Frau reichte es, um ein Haus zu kaufen und jeden Monat 2150 Dollar für den Hypothekenkredit abzuzahlen. „Wir hatten ein gutes Leben“, sagt Beavers.

Dann brach seine Welt zusammen.

Fast gleichzeitig verloren er und seine Frau die Arbeit, Vorboten der Krise, ihre Ehe hielt dem nicht stand, und dann machte Beavers etwas, das er „einen Fehler“ nennt. Als er aus dem Gefängnis kam, befand sich das Haus in Zwangsversteigerung, Frau und Auto waren weg.

Beavers lebte ein paar Wochen auf der Straße, schlief unter Brücken oder in Gebüschen. Dann hörte er von Nickelsville.

„Nickelsville hat mich gerettet“, sagt Beavers, 48, ein muskulöser Mann, der viele Jahre bei den US Marines diente.

Nickelsville ist eine Zeltstadt, eine „Tent City“, auf dem Gelände einer Kirchengemeinde im Süden von Seattle. Das jüngste von drei Camps der Stadt, gegründet am 22. September 2008. Eine Woche, nachdem in New York die Investmentbank Lehman Brothers pleitegegangen war. Es waren die Tage, in denen den Amerikanern das Ausmaß der anrollenden Wirtschaftskrise bewusst wurde. Inzwischen, ein gutes halbes Jahr später, wird erwartet, dass die Zeltstädte sich in den kommenden Monaten quer durch die USA ausbreiten werden. Die Arbeitslosenrate hat sich binnen eines Jahres verdoppelt, auf rund neun Prozent.

Dass Nickelsville trotzdem nicht trist und traurig wirkt, liegt an der vorherrschenden Farbe. Die ist überaus knallig. Das Lager besteht aus etwa 60 pinkfarbenen Kuppelzelten – eine Spende der „Girl Scouts“, der weiblichen Pfadfinder – und wenigen Gemeinschaftszelten. Sie stehen in ordentlichen Reihen. Es gibt Wegweiser und am Campeingang eine Rezeption, an der die rund 100 Bewohner sich an- oder abmelden müssen. Eine US-Flagge hängt schlapp in der Frühlingsluft. In einer Ecke stehen vier Campingklos. Strom gibt es nur an der Rezeption und Bustickets für Fahrten in die Stadt, zum Wohnungsamt, zur Arbeitssuche und zu öffentlichen Duschmöglichkeiten. Und alle paar Wochen muss das Lager umziehen, das gehört zu den Regeln für Seattles Zeltstädte.

Der Name Nickelsville ist eine ironische Anspielung auf den Bürgermeister von Seattle, Greg Nickels. Der habe rigorose Razzien gegen alle, die nachts im Freien angetroffen wurden, angeordnet, um die Obdachlosen aus der Stadt zu vertreiben, erzählen die Menschen im Camp – und so ihren Zusammenschluss in der Zeltstadt provoziert. Amerikaner denken bei dem Namen aber auch an die Große Depression in den 30er Jahren. Überall in den USA entstanden damals Hüttensiedlungen, die den Spitznamen „Hooverville“ trugen. Weil Präsident Hoover schuld sei, dass Amerika in eine Wirtschaftskrise glitt, die zehn Jahre dauerte.

Auch jetzt, in der aktuellen Rezession, schaut Amerika wieder auf seine Notlager, diesmal sind es Zeltstädte. Es gibt sie in Tennessee, in Florida, in Kalifornien, in Oregon. Über das Lager in Kaliforniens Hauptstadt Sacramento berichtete Oprah Winfrey in ihrer Show. Danach stürmten Journalisten die Zelte, was wiederum die Betroffenen empörte: Sie fühlten sich wie Tiere im Zoo und wollten in Ruhe gelassen werden.

Bei Tim Harris, Chef der von ihm gegründeten, erfolgreichen Obdachlosenzeitung „Real Change“ klingelt, seit Krise ist, oft das Telefon und dran sind Journalisten, die nach der Story über die Mittelklassefamilie suchen, die wegen der Finanzkrise im Zelt gelandet ist. Oder über den Banker und den Computerfachmann, die im 5000-Dollar-Apartment zur Miete oder in der eigenen Villa lebten und nun obdachlos sind. Harris kann dann nicht helfen. „Dafür ist es zu früh“, sagt er. Wenn in der Ober- und der Mittelklasse der Job verloren geht, bleiben zunächst Ersparnisse, ehe das Haus zwangsversteigert wird. Dann folgen die Phasen, in denen man zu Gast ist bei Freunden oder Verwandten, dann die billigen Motels und schließlich das Übernachten im Auto. Dann erst komme das Zeltlager. Die Menschen, die dort jetzt schon wohnten, seien zwar auch Opfer der Krise, sagt Harris, die hätten aber schon zuvor an der Existenzgrenze gelebt.

In Seattle sitzen der Flugzeugbauer Boeing und der Computergigant Microsoft, aber die Stadt sei im Strukturwandel. Es gebe immer weniger Jobs für Leute, die von körperlicher Arbeit leben, zum Beispiel in der Fischerei. Von ungelernten Jobs könnten viele nur mit Mühe das Dach über dem Kopf finanzieren. Komme auch nur ein Problem hinzu, folge schnell der Absturz.

Auf Seattle blicken derzeit viele Kommunen und Hilfsorganisationen, denn die Stadt hat in mehr als zehn Jahren ein Modell für die Organisation von Zeltstädten und ihre Einbettung in die Gesellschaft entwickelt. Es ist eine typisch amerikanische Mischung aus Selbstorganisation, Misstrauen gegen den Staat und privater Unterstützung, voran durch Kirchengemeinden.

Die erste Zeltstadt der neueren Zeit in Seattle entstand vor rund 20 Jahren. Das Rathaus wollte sie auflösen. 1990 wurde Share gegründet, das Kürzel steht für „Seattle Housing and Ressource Effort“; wenige Jahre später kam Wheel (Women’s Housing Equality and Enhancement League) hinzu, zum Schutz obdachloser Frauen. Share/Wheel ist heute Träger der beiden anderen Zeltstädte im Raum Seattle: Tent City 3, kurz TC-3, innerhalb der Stadt, und TC-4 in King County, außerhalb der Stadtgrenzen. Politisch setzt sich Share auch für Nickelsville ein. Direkt unterstützen darf die Hilfsorganisation das neue Camp nicht. In einem Vertrag mit der Stadt hat Share sich verpflichtet, nur eine Zeltstadt mit maximal 100 Bewohnern in der City zu betreiben.

Warum Nickelsville dennoch existiert, gegen den Willen der Stadt, das soll dann Scott Morrow erzählen, der „Alexander der Große“ der Zeltstadt-Bewegung. Aber Morrow, ein 52-Jähriger mit Nickelbrille, Halbglatze, Vollbart und langer Mähne, spricht nicht gerne über sich. Der gesellschaftliche Rückhalt für Nickelsville hängt daran, dass Zusagen eingehalten werden. Share darf nur eine Zeltstadt innerhalb Seattles betreiben. Also gab er seine Anstellung dort kürzlich auf und ging zu „Veterans for Peace“, einer anderen Wohltätigkeitsorganisation, nur damit er sich um Nickelsville kümmern darf.

Drei Mal die Woche schenkt er im Westlake Park, einem Platz mit ein paar Bänken im Zentrum von Seattle, morgens Kaffee aus einem orangen Thermobehälter aus. „Schauen Sie, wofür die Stadt Geld ausgibt“, sagt er und zeigt auf die Armstützen in der Mitte jeder Parkbank – jetzt kann man sich nicht mehr darauf ausstrecken.

Morgens ist es ziemlich frisch in Seattle, etwa acht Grad Celsius. Der Wind, der von der Pazifikbucht den Uferhang hinaufweht, lässt frösteln. An Morrows Kaffeestand stehen die Menschen aus den Zeltstädten an. Etwa Bill Spencer, 56, frisch rasiert, kurzes Haar. Man könnte ihn für einen Mann auf dem Weg zur Arbeit halten. Er schwärmt von Augsburg, wo er von 1979 bis 1984 mit der US Army war. Jetzt lebt er in Tent City 4, dem von Share 20 Meilen außerhalb der Stadt betriebenen Zeltlager. Wegen einer Verwundung in der Militärzeit bezieht er eine Rente von der Veteranenbehörde. Er lebte in einer Sozialwohnung, hat sie aber aus freien Stücken verlassen, weil das Gebäude „schmutzig, kriminell und gefährlich“ war. Er sagt: „Lieber ein sauberes Zelt als eine so lausige Umgebung.“

Zeltstädte seien, sagt Morrow, „Überlebenshilfe“. Wer es nicht selbst erlebt habe, könne sich nicht vorstellen, wie bedrohlich das Leben auf der Straße sei.

Er zieht eine Liste mit den Namen der 53 Obdachlosen hervor, die zwischen Januar 2008 bis Januar 2009 gestorben sind. Auch die Todesarten sind notiert:

– erschlagen

– überfahren

– von der Polizei erschossen

– Unfall

– Selbstmord

– natürliche Ursache

– unbekannt.

Natürliche Ursache bedeutet: Tod aus Erschöpfung.

Als in den 80er Jahren die ersten Zeltstädte entstanden, wurden sie zunächst von der Kommune verboten – unter Verweis auf Sicherheits- und Hygienebedenken. Als Kirchengemeinden die Camps übernahmen, klagte die Stadt wegen Verstoß gegen die Nutzungsordnung. Doch Richter entschieden, Zelte seien ein eingeführter Behausungstyp. Und solange die Zeltstadt nicht die öffentliche Ordnung gefährde, habe das Recht der Kirchen Vorrang.

Die von Share betreute Zeltstadt hat sich freilich auch eine militärisch strenge Lagerordnung gegeben, um die Akzeptanz zu fördern; dazu gehören ein striktes Verbot von Alkohol, Drogen und dem Austragen von Konflikten in rüder Sprache, mit Flüchen oder gar Gewalt. Wer dagegen verstößt, fliegt raus. Und Share war zu einem Kompromiss mit der Stadt bereit: Spätestens alle drei Monate zieht das Camp um, um die Furcht vor permanenten „Shanty Towns“ zu bändigen. Diese Zugeständnisse bewirkten, dass Seattle sein Toleranzmodell in genau den Jahren entwickeln konnte, in denen New York unter dem Republikaner Rudy Giuliani und andere Städte brachial gegen ihre Obdachlosen vorgingen.

Das Modell Seattle ruht auf drei Pfeilern: der Disziplin des Camps, seiner funktionierenden Selbstverwaltung und dem Ziel, das Problem der Obdachlosigkeit mittelfristig zu lösen, indem die Stadt genug bezahlbaren Wohnraum schafft. Rathaus, Kirchen und verschiedene Hilfsorganisationen haben sich 2005 auf einen Zehnjahresplan zur Beendigung der Obdachlosigkeit verpflichtet, doch seitdem sank die Zahl der erschwinglichen Wohnungen sogar noch, stieg die Zahl der Obdachlosen: auf etwa 8300 Menschen im Großraum Seattle. Notunterkünfte gibt es aber nur für 5000 Menschen.

Lantz Roland, einer der fünf gewählten Leiter von Zeltstadt 3, führt durch das Camp auf dem rückwärtigen Parkplatz der St.-Markus-Kathedrale und zeigt stolz den neuen mobilen Duschwagen. Er weiß, dass es Vorbehalte in der Stadt gibt, bei denen, die von Armut nicht bedroht sind, gegen die Zeltstädte. Er sagt: „Mit der Zeit lernen sie uns kennen und sind meist erstaunt, dass viele von uns regelmäßig zur Arbeit gehen.“ Das seien zwar keine Bürojobs, für die man Anzug und Krawatte trägt, aber etwa die Hälfte der hundert Bewohner von TC-3 habe eine Form bezahlter Beschäftigung: Aushilfen als Gärtner, Hausmeister oder in Computerkursen.

Lantz Roland, lange Haare, üppiger Vollbart, hat selber einen dramatischen Abstieg hinter sich. Er war ein hoch bezahlter Programmierer, ehe er 1996 seinen Job verlor, bald seinen Schuldenberg nicht mehr abtragen konnte und in den Strudel nach ganz unten geriet.

Die Krise macht Roland derzeit wieder zu einem gefragten Mann. „Von überall in den USA kommen die Leute, um sich Rat zu holen, warum es bei uns so gut läuft“, sagt er. Was er denen mitgibt, ist dies: „ Eine Zeltstadt darf, erstens, als Chef keinen kleinen Diktator haben. Es funktioniert nur mit einer gewählten, rotierenden Selbstverwaltung.“ Und zweitens dürfe man sich nicht an einem Ort festsetzen. „Das permanente Umziehen ist gut“, sagt er, für die Zeltstadt, aber noch mehr für die Gesellschaft, weil so immer neue Bevölkerungskreise mit dem realen Problem der Obdachlosigkeit konfrontiert werden. Das schaffe öffentlichen Rückhalt. Und drittens: 100 Bewohner pro Camp seien die maximale Größe für das Selbstverwaltungsmodell.

Darüber gibt es Meinungsverschiedenheiten zwischen Zeltstadt 3 und Nickelsville, die sich ansonsten gegenseitig unterstützen im Zwist mit dem Bürgermeister und der Verwaltung. Nickelsville fordert einen permanenten Standort mit genug Platz für 1000 Bewohner. Vorbilder sind die historische „Shanty Town“ während der Großen Depression in Seattle und das heutige Camp „Dignity Village“ in Portland, Oregon.

„Das wird die Stadt nicht genehmigen“, sagt dazu schon vorab und ganz entschieden der Leiter der städtischen Sozialbehörde. Und von den Bewohnern sind nicht alle an Verstetigung und Dauerhaftigkeit interessiert.

Bruce Beavers, der Ex-Warenlager-Manager, will ja nur eins, auch wenn er sich sicher fühlt in Nickelsville: wieder raus da. Er trägt glänzende Ohrringe und eine blaue Baseballkappe; die Jeans und das weiße T-Shirt mit dem Gangsterfilm-Motiv „Scarface“ sind sauber und gepflegt. Bruce sei ein Anführer, der das Camp zusammenhält und auf Ordnung achtet, sagen Mitbewohner. Bruce sagt, der Abstieg habe Depressionen bei ihm ausgelöst. Die Organisation des Camps helfe ihm, sich wiederzufinden. Dann werde er auch wieder einen Job finden.

Zu den Nickelsville-Bewohnern gehört auch Familie Brewbaker. Die Kinder, Alexandra, 13, und der elfjährige Matthew, werden jeden Morgen vom Taxi abgeholt und in ihre alte Schule im Vorort Bellevue gebracht; das bezahlt die Schule aus städtischen Mitteln. Vater Eric, 52 Jahre, den alle „Butch“ nennen, war 17 Jahre Lkw-Fahrer; dann begannen die gesundheitlichen Probleme. Er und seine Frau Karesa bekommen je eine bescheidene Erwerbsunfähigkeitsrente. Sie wohnten in einer Sozialwohnung, die der Eigentümer aber, wie sie sagen, vernachlässigte. So wurden sie schließlich ausgewiesen, wegen Unbewohnbarkeit der Räume. Einige Zeit lebten sie in ihrem Kleinbus. In die städtischen Obdachlosenheime wollten sie nicht, die sind nach Geschlechtern aufgeteilt. Da hätte die Familie nicht zusammenbleiben können.

Butch und Karesa Brewbaker glauben einerseits, dass ihre Notlage vorübergeht. Andererseits prophezeien sie, dass wegen der Wirtschaftskrise „noch mehr Leute in unsere Situation kommen werden“. Etwas Geld verdient Butch nebenher, indem er mit seinem Kleinbus, der ihm geblieben ist, bei Umzügen hilft.

„Jeder will doch zurück in normale Verhältnisse“, sagt er.

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