Armutsbericht : Wie geteilt ist Deutschland?

Der Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zeigt die Unterschiede in Deutschland. Vorpommern ist die ärmste Region, im Südwesten sieht es am besten aus. Der Wohlfahrtsverband mahnt die gezielte Förderung der schwachen Regionen an, sonst drohe die "Verödung ganzer Landstriche".

Cordula Eubel,Matthias Lehmphul

Vorpommern ist die ärmste Region Deutschlands. 27 Prozent der Menschen gelten dort als arm. Am besten sieht es in Schwarzwald-Baar-Heuberg im äußersten Südwesten Deutschlands aus – dort sind nur 7,4 Prozent arm. Abzulesen ist das auf dem Armutsatlas, den der Paritätische Wohlfahrtsverband am Montag vorgestellt hat.


Worauf beruht der Armutsatlas?

Dem regionalen Armutsatlas des Wohlfahrtsverbandes liegen Daten des Statistischen Bundesamtes zugrunde. Sie basieren auf dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes. Die Teilnahme der zufällig ausgewählten Person ist nicht freiwillig, sondern gesetzlich verpflichtend. Aktuellere Zahlen als 2007 fehlen. 830 000 Personen in 390 000 Haushalten wurden befragt.


Wie wird Armut definiert?

Wer in einer Gesellschaft als arm gilt, wird unterschiedlich definiert. In den Industrieländern wird die relative Armut gemessen, also wie viel der Einzelne in Relation zum Wohlstand der gesamten Gesellschaft zur Verfügung hat. In der EU gelten Personen als arm, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügen. Im Jahr 2007 verdienten die Deutschen durchschnittlich 1274 Euro netto. Die Armutsgrenze lag damit bei 764 Euro netto pro Erwachsenem. Bei einem Ehepaar mit einem Kind sind es 1605 Euro netto, bei Alleinerziehenden mit einem Kind 956 Euro.


Wo gibt es die meisten Armen?

Die ostdeutsche Bevölkerung ist im Vergleich zur westdeutschen ungleich stärker von Armut bedroht. Während in den neuen Bundesländern fast jeder Fünfte als arm gilt, kämpft im Westen Deutschlands etwa jeder Achte mit Armut. Doch nach Ansicht des Wohlfahrtsverbandes ist Deutschland 20 Jahre nach dem Mauerfall nicht länger zwei-, sondern mindestens dreigeteilt – wegen der „extrem unterschiedlichen Lebensbedingungen innerhalb der westdeutschen Länder“, wie der Hauptgeschäftsführer des Wohlfahrtsverbandes Ulrich Schneider erläutert. Er unterscheidet zwischen einem süd-, einem nordwest- und einem ostdeutschen

Armutsatlas
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1 von 7Grafik: Paritätischer Gesamtverband
29.07.2009 08:29Armut in Deutschland: Die Karte zeigt die Armutsquoten der einzelnen Bundesländer. Rottöne kennzeichnen hohe Quoten, Gelbtöne...

Raum. Im Nordwesten Deutschlands erreiche die Armutsquote stellenweise bereits 20 Prozent. So kämpfe in Ostfriesland genauso wie in den ostdeutschen Bundesländern jeder Fünfte mit Armut. Immerhin gebe es noch keine „Flächenarmut“ in den alten Bundesländern, sagt Schneider. Die sozialen Unterschiede im alten Bundesgebiet erklärt der Verband mit der fehlenden Arbeit in den geschrumpften Industriestandorten im Ruhrgebiet sowie der zurückgehenden Landwirtschaft vor allem in Teilen Niedersachsens.


Wer ist von der Armut betroffen?

Aus anderen Studien weiß man, dass in Deutschland besonders Alleinerziehende, Langzeitarbeitslose, Menschen mit Migrationshintergrund und Personen, die gesundheitlich so beeinträchtigt sind, dass sie nicht mehr arbeiten können, von Armut bedroht sind. Rentner sind demnach gegenwärtig unterdurchschnittlich stark gefährdet, zu verarmen. Die Erhebung des Wohlfahrtsverbandes selbst trifft keine Aussagen über die Verteilung der Armut auf einzelne Bevölkerungsschichten.


Wie ist die Lage in Berlin?

2007 lebten 17,5 Prozent der Berliner unterhalb der Armutsgrenze. Damit hat sich die Armut um 2,2 Prozentpunkte verringert. Trotzdem lebt jeder sechste Bürger von Hartz IV. Das Umland profitiert unterschiedlich stark von der Hauptstadt. In der Region Havelland-Fläming und der brandenburgischen Landeshauptstadt Potsdam ergab sich nach den Berechnungen des Verbandes die geringste Armutsquote von 15,3 Prozent. Die höchste Armutsquote verzeichnen die Regionen Prignitz-Oberhavel mit 19,2 Prozent und Uckermark-Barnim mit 20,6 Prozent.


Wie wirkt sich die Finanz- und Wirtschaftskrise aus?

Noch liegen keine Daten vor, wie die Krise sich auf die Armutsquote auswirken wird. Aber die Tendenz ist absehbar: „Die Armutsrisikoquote wird durch die Wirtschafts- und Finanzkrise steigen“, prognostiziert Markus Grabka, der sich beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) mit der Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland beschäftigt. „Die Gründe dafür liegen in der steigenden Arbeitslosigkeit“, sagt er. Aber auch wer in Kurzarbeit gehe, habe Einkommenseinbußen und sei damit eher armutsgefährdet.


Welche Modelle zur Armutsbekämpfung gibt es?

Der Paritätische Wohlfahrtsverband fordert eine gezieltere Förderung der Regionen. „Wenn wir nicht sofort und massiv gegensteuern, wird die Verödung ganzer Landstriche nicht mehr aufzuhalten sein“, warnt Schneider. Die zehn Milliarden Euro des Konjunkturpaketes II hätten die soziale Spaltung voran getrieben. Zum einen habe der Bund in „Leuchtturmprojekte“ im Südwesten Deutschlands investiert. Ein Drittel der Investitionen floss direkt in die drei Bundesländer, die mit Abstand über die geringste Armutsquote verfügten: Hessen, Baden-Württemberg und Bayern. Zum anderen profitierten diejenigen Bürger von der Abwrackprämie, die über entsprechendes Kapital verfügten, sich einen Neuwagen anzuschaffen.

In der Diskussion um ein drittes Konjunkturpaket müsse es deshalb um die Armen gehen, fordert Schneider. Auch müsse der Beitragssatz für die Hartz-IV-Empfänger auf 440 Euro plus Nebenkosten erhöht werden. Insgesamt würde das den Staat zehn Milliarden Euro kosten. Zudem müsste der zweite und dritte Arbeitsmarkt, also kurz- beziehungsweise langfristig subventionierte Jobs, in Ostdeutschland stärker vom Bund gefördert werden. „Armut einfach mit höheren Transfers bekämpfen zu wollen, ist nicht die Lösung“, entgegnet DIW-Forscher Grabka. Wenn der Staat mehr Geld in die Hand nehme, solle er dieses gezielt investieren: etwa indem er ein kostenloses Mittagessen an den Schulen oder eine vernünftige kostenlose Kinderbetreuung finanziere. Für die alleinerziehende Mutter sei es wichtig, dass sie eine funktionierende Ganztagsbetreuung für ihr Kind habe, damit sie arbeiten könne. Der Langzeitarbeitslose habe auf Dauer mehr davon, wenn er eine anständige Qualifizierung erhalte und so den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt schaffe. Grabka mahnt: „Armut sollte an ihren Wurzeln bekämpft werden.“ 

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