• Arrogantes Auftreten und Militärtechnik können Russland im zweiten Tschetschenien-Krieg nur begrenzte Erfolge bringen

Politik : Arrogantes Auftreten und Militärtechnik können Russland im zweiten Tschetschenien-Krieg nur begrenzte Erfolge bringen

Elke Windisch

Igor Sergejew ist entschieden zu spät geboren: Mit Sprüchen wie "Diesmal machen wir Ernst und bleiben lange" hätte Russlands Verteidigungsminister zu Beginn des Jahrhunderts bei allen klassischen Kolonialmächten steile Kariere gemacht. Zwar versucht Moskau nach wie vor, der Öffentlichkeit den Krieg in Tschetschenien als "begrenzte Antiterror-Operation" zu verkaufen. Doch Sergejew strafte sich am Mittwoch selbst Lügen, als er erklärte, die Kampfhandlungen würden auf ganz Tschetschenien bis zu dessen "Befreiung" ausgedehnt.

Für das hehre Ziel wurde bislang vor allem die Zivilbevölkerung mit Präzisionsschlägen von schwerer Artillerie und Luftwaffe zur Kasse gebeten. Das eigentliche Ziel der Operation - russische Städte vor Anschlägen zu schützen, für deren tschetschenische Spur Beweise nach wie vor fehlen - haben die Militärs, die nach Revanche für den angeblichen Schmachfrieden im letzten Krieg lechzen, längst erfolgreich verdrängt. Dabei ist nicht ausgemacht, dass sich das Kriegsglück diesmal zu ihren Gunsten wendet. Und wenn doch, ob die Rückeroberung tatsächlich ein Gewinn ist.

Zwar haben die Russen die Hauptstadt Grosny und die wegen der Eisenbahnlinie strategisch wichtige Stadt Gudermes fast vollständig eingeschlossen. Beide dürften in den nächsten Tagen gestürmt werden. Doch im Rücken der kämpfenden Truppe liegen zahlreiche Dörfer, die nicht erobert wurden. Zudem zeigt der bisherige Kriegsverlauf, dass in den angeblich befreiten Gebieten die Tschetschenen den einrückenden Russen zwar kaum Widerstand entgegensetzen. Sobald diese jedoch weitergezogen sind, kehren die Kämpfer zurück und besetzen dabei nicht nur die eigenen, sondern auch die von den Russen gebauten Verteidigungsstellungen, die beim Vormarsch ohne Stallwache zurückgelassen wurden. Eben dies wurde der Sowjetarmee schon in Afghanistan zum Verhängnis. Umso mehr, da Umgruppierungen des Gegners Moskaus siegestrunkenen Generälen meist entgehen. Die Tschetschenen setzen auf Guerillataktik und greifen in Gruppen von höchsten 15-20 Mann an.

In Moskau sprach sich Regierungschef Wladimir Putin in diesem Zusammenhang am Donnerstag für eine befristete Visumspflicht für Reisende aus Georgien und Aserbaidschan aus. Moskau befürchtet, dass tschetschenische Kämpfer über die Berge nach Georgien und Aserbaidschan einreisen und von dort aus nach Russland gelangen. Vor dem Slepzowskaja-Grenzübergang nach Inguschetien warteten unterdessen etwa 4000 Kriegsvertriebene. Erstmals ließen die russischen Soldaten überraschend auch tschetschenische Männer im kampffähigen Alter passieren. Die Kämpfe konzentrierten sich nach russischen Angaben auf den Osten Tschetscheniens. Militärsprecher Igor Melnikow sagte, russische Truppen seien auch in Dagestan angegriffen worden.

Extrem hohe Mobilität ist die gefährlichste Waffe der Tschetschenen, meinen Experten, die weitere Überfälle auf Dagestan befürchten, um Moskau einen Mehrfrontenkrieg aufzuzwingen. Zumal sich die russische Mär von einer "Mauer um Tschetschenien", zumindest im Hochgebirge, als Lachnummer erwiesen hat: sowohl an der Grenze zu Dagestan als auch an der Grenze zu Georgien, von der Moskau am 1. November seine letzten Kontingente abziehen musste. Schon am Mittwoch tauchte in Tiflis daher der Drahtzieher der Unruhen in Dagestan auf: Mowladi Udugow, Vorsitzender des Kongresses der Völker Tschetscheniens und Dagestans und Chefideologe einer von Russland unabhängigen islamischen Republik im Nordkaukasus.

Dass Georgiens Staatschef Eduard Schewardnadse, dem Udugow eine persönliche Botschaft von Tschetschenen-Präsident Aslan Maschadow überbrachte, den Emissär durch einen Subalternen abfertigen ließ, ist nur Rücksichten geschuldet, um das Verhältnis zu Moskau nicht noch mehr zu verschlechtern. Schewardnadse fürchtet, der Kreml könnte schwelende ethnische Konflikte wieder anfachen, in deren Ergebnis Georgien endgültig in mehrere, nach dem Stammesprinzip organisierte Zwergstaaten zerfallen würde.

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