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Die zwei Seelen des Gedenkens Von Hermann Rudolph

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Wie halten wir es mit dem 8. Mai? Dass er ein Tag der Befreiung ist, darüber herrscht seit der WeizsäckerRede im Jahr 1985 Einvernehmen. Aber ist er auch ein Tag der Erinnerung an die Verluste und Leiden der Deutschen? Die Querelen in der Berliner CDU haben immerhin angezeigt, dass da ein Problem schwelt. Aber um das Thema kommen wir ohnedies nicht herum, schon gar nicht in diesem Jahr, das uns in Vergangenheit geradezu eintaucht. Die Frage ist allerdings, wie wir mit ihm umgehen – mit Fairness gegenüber den Ereignissen, Erfahrungen und Empfindungen oder mit Trotz und Selbstgerechtigkeit. Das eine kann den öffentlichen Sinn der Republik stärken, das andere ihn schleichend vergiften.

Da kann man guten Rat brauchen. Vielleicht sollte man zum Beispiel jene Rede wieder lesen, die bald, ihrer reinigenden, klärenden Wirkung wegen, nur noch „Die Rede“ hieß, und auf die sich mittlerweile alle berufen (einige Passagen dokumentieren wir auf der Meinungsseite). Vielleicht würde auch mancher von der Lektüre überrascht. Denn, erstens, sah Weizsäcker im 8. Mai 1945 keineswegs einen sozusagen naturwüchsigen, besser: geschichtsgegebenen Tag der Befreiung. Diese Bedeutung sei vielmehr im Laufe der Zeit gewachsen, „von Tag zu Tag klarer“ geworden, bis sie „heute“ von allen ausgesprochen werden könne. Und zweitens mache die Befreiung auch nicht die „schweren Leiden“ vergessen, die „für viele Menschen mit dem 8. Mai“ begannen.

Es ist diese Ambivalenz des 8. Mai, mit dem diese Rede auf eine Einsicht zurückgriff, die gleichsam in der Stunde null der Bundesrepublik angelegt war. Am 8. Mai 1949, in der Schlussdebatte über das Grundgesetz, nannte Theodor Heuss diesen Tag die „tragischste und fragwürdigste Paradoxie der Geschichte“, weil „wir erlöst und vernichtet in einem gewesen sind“. Was damals noch jeder verstand: Vier Jahre nach Kriegsende war ganz gegenwärtig, dass das Befreiende an diesem Ende durchdrungen war von der Trauer über die Opfer des Krieges und den Schmerz über den Zusammenbruch.

Nun ist das offenbar nicht mehr so. Aber muss man diese Ambivalenz des 8. Mai trotzig hervorheben, als spreche man damit etwas aus, was man nicht sagen dürfte? Muss man wirklich, andererseits, die Deutschen, wenn sie an ihre Leiden und Verluste erinnern, sogleich mit dem Hinweis auf den Holocaust festhalten wie ertappte Sünder, die ihrer Schuld entlaufen wollen? Doch ohne die Anerkennung seiner bedrängenden Zwiespältigkeit ist dem Tag nicht gerecht zu werden.

Denn der 8. Mai ist nicht nur der Tag der Befreiung, und was darüber hinausgeht, ist von Übel, also Geschichtsrevisionismus. Ihn nur als das zu behaupten, führt in die Irre. Es wäre, im Gegenteil, auch eine Art Geschichtsrevision, ihm seine Doppelgesichtigkeit abzusprechen. Das Beispiel der DDR sollte schrecken. Indem sie den 8. Mai als Tag der Befreiung in Anspruch nahm, neben dem es keine andere Deutung geben durfte, gruppierte sie Sieger und Besiegte um und schwindelte sich auf die „Seite der Sieger“. Den Spott lieferte der Volksmund: Ja, befreit haben sie uns – bis aufs Hemd.

Aber wird der Bundeskanzler in diesem Jahr zur Feier des Tages nicht neben den Repräsentanten der einstigen Siegermächte stehen? So weit waren wir vor 20 Jahren noch nicht – Weizsäcker befand noch, dass die Deutschen den Tag unter sich begehen sollten. Doch der Wandel hat seine Konsequenz. Der große Prozess des europäischen, ja weltweiten Zusammenrückens hat uns tatsächlich auf gleiche Höhe mit denen gebracht, die einst unsere Gegner waren. Nicht zu bestreiten ist auch, dass wir den Erfahrungen näher gekommen sind, die unsere Eltern und Großeltern machen mussten – die einschlägige Buch- und Filmflut zeigt es an. Vielleicht hängt das eine mit dem anderen zusammen: Weil der 8. Mai als ein Tag der Befreiung einen festen Platz in unserer Geschichtsdeutung gewonnen hat, können wir auch an die deutschen Opfer erinnern, ohne uns dem Verdacht auszusetzen, aufrechnen zu wollen.

Allerdings: Unter diesem Niveau werden wir mit diesem Tag nicht ins Reine kommen.

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