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Albträume an der Mauer

Beim Nahost-Besuch sind die katholischen Bischöfe von den israelischen Grenzanlagen „tief betroffen“ – und ziehen gewagte Parallelen
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Zehn Meter hohe Betonplatten ragen in den blauen Himmel und versperren die Sicht, dahinter Wachtürme, Grenzanlagen. „Ich kann da gar nicht hinschauen“, sagt Kardinal Joachim Meisner. Er steht mit dem Rücken zur Grenzmauer, mit der Israel die Palästinensergebiete abgeriegelt hat. Sie ragt in die Westbank hinein und umschließt auch einzelne Städte wie Bethlehem. „Ich dachte nicht, dass ich in meinem Leben noch mal so eine Mauer sehe“, sagt der Kölner Kardinal. Letzte Nacht habe er Albträume gehabt, Erinnerungen an die Berliner Mauer, an sein Leben in der DDR seien hochgekommen.

Es ist Samstag. Die 27 deutschen katholischen Ortsbischöfe haben am letzten Tag ihrer einwöchigen Reise in Bethlehem mit Studenten gesprochen, mit dem früheren Bürgermeister und Mitarbeitern eines Caritas-Kinderkrankenhauses. Am Abend zuvor hatten sie in Ramallah Palästinenserpräsident Mahmud Abbas getroffen. Angesichts der Grenzanlagen und des Hochsicherheitstrakts der palästinensischen Autonomiebehörde bleibt bei ihnen ein bedrückendes Gefühl zurück. Es mischt sich mit der Erschütterung von vorausgegangenen Eindrücken. Da hatten die Bischöfe die Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem besucht. „Morgens in Jad Vaschem die Fotos vom unmenschlichen Warschauer Ghetto, abends fahren wir ins Ghetto in Ramallah. Da geht einem doch der Deckel hoch“, sagt der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke. 60 Prozent der Bevölkerung Bethlehems sind arbeitslos, viele Studenten wollen auswandern. „Die Menschen hier haben keine Bewegungsfreiheit, keine Zukunftschance. Das kann doch nicht die Säule der Friedensverhandlungen sein“, sagt Hanke. Israel habe ein Lebensrecht, natürlich. Aber das dürfe nicht so brutal durchgesetzt werden. Die Bischöfe seien „tief betroffen“ von der „existenziellen Dramatik“, die sie in Bethlehem und Ramallah erlebt hätten.

Die katholische Kirche finanziert in den Palästinensergebieten Schulen, Krankenhäuser, Altenheime. Aber das reicht nicht, sagt Hanke. Er und etliche seiner Mitbrüder sind entschlossen, künftig zu Hause auch „politisch Position zu beziehen“. Es gehe nicht darum, Israel zu belehren. „Aber wir müssen der politischen Öffentlichkeit zeigen, dass hier etwas aus dem Lot ist. Recht und Gerechtigkeit dürfen nicht mit Füßen getreten werden.“ Bischof Hanke will dem traditionellen Osterbrief der katholischen Bischöfe, der schon fertig ist, ein eigenes Schreiben beilegen, in dem er über seine Erfahrungen hier berichten will. Den Brief will er auch an die Politiker in seinem Bistum schicken – mit der Aufforderung, sich für eine Veränderung der Situation einzusetzen.

Auf dem Heimweg halten die Bischöfe bei einem Nonnenkloster neben dem Grenzübergang von Bethlehem nach Jerusalem. Die Schwestern versammeln sich einmal in der Woche am Beton, um gegen das Unrecht zu beten. Die Oberhirten aus Deutschland beten an diesem Samstag mit den Schwestern den Rosenkranz. Die Bischöfe Kamphaus, Meisner und Fürst lassen sich vor der Mauer fotografieren. Es soll keine politische Kampfpose sein, aber irgendwie doch eine Art Stellungnahme. „Hier wird neu installiert, was wir im eigenen Land erlebt haben“, sagt der Limburger Alt-Bischof Franz Kamphaus. „Das hat fast etwas von Rassismus“, fügt der Augsburger Mitbruder Walter Mixa an – und betont gleichzeitig, wie sehr ihn der Besuch in Jad Vaschem mitgenommen habe.

Diplomatisch fasst Kardinal Karl Lehmann, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, am Sonntag bei der Abschlusspressekonferenz zusammen: „Wir wissen um die Angst der Israelis, die von Terrorismus bedroht sind und deren staatliches Existenzrecht von manchen immer noch infrage gestellt wird.“ Aber man habe auch die „geradezu katastrophale Situation“ der Palästinenser kennengelernt. Er fürchte, dass mit dem Ausbau der Siedlungen, dem Bau von Sicherheitszäunen, Mauern, getrennten Straßennetzen und Checkpoints „zunehmend Tatsachen geschaffen werden, die auf die Verfestigung des Status quo hinauslaufen“. Dies könne nicht dem Frieden dienen. „Das Schlimmste am Einmauern ist, dass man das Leiden auf der anderen Seite nicht mehr sieht“, sagt Bischof Heinrich Mussinghoff aus Aachen. Politische Auswege könne man als Bischöfe kaum vorzeichnen, sehr wohl aber das Leiden der Menschen im Auge behalten, sagt Lehmann. Und darin liegt wohl auch die Stärke ihrer Empathie-Offensive.
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