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Warum wir Bilder brauchen

Von Jan Schulz-Ojala
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Die Berlinale, Deutschlands größtes Kulturfestival, kommt dieses Jahr – könnte man meinen – zu einem ganz ungelegenen Zeitpunkt. Bilder brennender Botschaften und Landesflaggen prägen die Titelseiten der Zeitungen, der alarmierende Riss, der durch die Welt geht, scheint täglich tiefer zu werden. Da sollen wir uns für Glamour und rote Teppiche interessieren, für Filme von sonst woher, für zehn Tage Rummel, Friede, Freude, Eierkuchen? Aber ja. Jetzt erst recht.

Natürlich ist die Berlinale, die am Donnerstag beginnt, keine politische Demonstration, auch wenn sie sich mit ihrem pointierten Bekenntnis zur Völkerverbindung seit jeher explizit politisch versteht. In Tagen aber, in denen radikale Muslime wegen einiger Mohammed-Karikaturen ihre Vorstellung vom Bilderverbot in die Köpfe friedliebender und konfliktscheuer Westler hineinbomben wollen, wird die Veranstaltung dieses Festivals zwangsläufig zum Bekenntnis – schließlich zeigt es bewegte und bewegende Bilder von überall. Mit jedem der 24 Bilder pro Sekunde, die seine Filme enthalten, sagt es: Seht her, wir brauchen Bilder. Bilder prägen und erweitern unsere Vorstellung von der Welt. Sie mögen wehtun oder glücklich machen, erschrecken oder erwärmen – immer aber machen sie uns reicher. Und klüger. Und frei.

Gewiss, im Karikaturenstreit ging es ursprünglich um den Vorwurf der Blasphemie. Und hier sei auch nicht der Blasphemie das Wort geredet, die den gläubigen Muslim beim Anblick jedweder Abbildung des Propheten erzürnen mag. Längst aber haben die gewalttätigen Reaktionen, eine Art nachgetragene Zensur im Wege der Mob-Gerichtsbarkeit, das Ursprungsmotiv überdeckt. Zensur ist der Tod der Freiheit. Auch deshalb suchen die Berlinale-Macher bewusst Bilder aus Diktaturen, aus Kriegsgebieten, in denen die Freiheit nicht gilt – aus dem Irak etwa und, diesmal sehr zahlreich, aus Iran. Sie lenken den Blick auf die inneren Risse in totalitären, patriarchalischen, mittelalterlichen Strukturen, die immer mehr an Boden gewinnen. Natürlich schmeckt das jenen terroristischen Drahtziehern auch auf Regierungssesseln nicht, die hämisch zusehen, wie ihre Aktionen Keile in die Welt treiben. Ein Grund mehr, sich zu solchen – unbequemen – Bildern zu bekennen. Sie helfen, unterscheiden zu lernen. Sie sind der Sauerstoff, den die Bewohner des globalen Dorfs zum Atmen brauchen.

Dass die Berlinale unbequem ist nach allen Seiten, macht sie doppelt souverän. Mit dem Amerikaner George Clooney etwa hat sie einen Superstar eingeladen, der sich auf dem roten Teppich immer prima macht, aber auch seiner eigenen Regierung die Leviten liest. Der scheinbare Charmeur hat gerade selber einen kraftvollen Film gedreht, in dem er die Zivilcourage gegen den Gesinnungsterror der McCarthy-Ära hochhält. Wieder sind es Bilder, die vielleicht nicht die Welt verändern. Aber unseren Begriff von ihr.

Knapp 20 000 Festivalgäste wird Berlin beherbergen – sie kommen aus Hollywood und aus Bhutan, aus Simbabwe und den arabischen Ländern. Natürlich wird gefeiert werden auf der Berlinale, und es werden Geschäfte gemacht. Ihr unspaltbarer Kern aber sind jene knapp 400 Filme, mit denen jeder allein ist, solange er sie sieht, allein und frei. Sie sind nicht die Wirklichkeit, aber sie spiegeln sie, jeder auf seine Weise. Stärkster Nebeneffekt: Man erkennt vieles nachher besser als gewöhnlich. Denn im Spiegel sehen wir immer auch uns selbst.

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