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Mythen und Moneten

Von Peter von Becker
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Nun spielen sie wieder und tanzen und singen allüberall. Sommerzeit ist Festspielzeit, und die beginnt spätestens jetzt: Wenn in Bayreuth ein neuer „Ring“ geschmiedet wird und in Salzburg, trotz Mozart-Jahr, erst einmal auf dem Domplatz der reiche Herr Jedermann zum Sterben gerufen wird – und sich alle Schönen, Reichen oder zumindest Beziehungsreichen darüber freuen.

Da hören wir gleich den forsch besorgten Zwischenruf: „Amüsieren wir uns zu Tode?“ Tatsächlich sind die Festspiele in Salzburg und Bayreuth die prominentesten Exempel in einem immer enger geknüpften Netz von Festivals, das sich in Europa inzwischen vom südlichen Polarkreis ins heißeste, hinterste Andalusien spannt. Es ist ein unendlich buntes Gemisch aus allen Genres und Kulturen, von der mittelalterlichen Lautenmusik bis zum Hiphop, von tibetanischen Tempeltänzen oder dem ganzen Shakespeare in drei Stunden bis zum Pop-Spektakel; und kein brandenburgischer Dorfweiher ist mehr sicher vor einer avantgardistischen Wassermusik und keine toskanische Klosterruine vor einem kroatischen Punkpoetentreffen oder zwölf irischen Tenören.

Hierzu gibt es das kritische Schlagwort von der „Eventkultur“. Es meint Anna Netrebko in Salzburg oder auf der Berliner Waldbühne so gut wie Robbie Williams im Olympiastadion. Doch der Vorwurf besonders spektakulärer Vermarktung eines Talents muss nicht zwangsläufig auch dessen künstlerische Qualität treffen. Und die ungeheure Vermehrung der Festivals oder „ereignishafter“ Inszenierungen ist nicht nur ein Ausfluss der Massenkultur oder einer geschäftigen Vergnügungsindustrie. Es geht in Wahrheit auch um die ständige Verlängerung der Freizeit, aus Wohlstandsgründen oder als Folge von Rationalisierung und Arbeitslosigkeit. Daher die wachsende Nachfrage nach symbolischer Beschäftigung – und mit zu ihr gehört jener kulturelle Zeitvertreib, der im besten Falle ein Stück Freiheit, Zeit- und Lebensgewinn bedeutet.

So kommt auf Umwegen sogar Richard Wagners Idee vom „demokratischen Fest“ ins Spiel. Als Wagner vor genau 130 Jahren, mit der Uraufführung des „Ring des Nibelungen“, seine Bayreuther Festspiele begründete, sollte der Eintritt völlig frei sein. Dieses Ideal der „Hochkultur für alle“ ist schon damals an den Kosten und an der Kasse Ludwig II., des bayerisch-märchenköniglichen Subventionsgebers, gescheitert. Aber etwas davon wirkt nach, wenn heute alle Schichten jeden Alters zu ihren vielfältigen Festivals strömen und für ihre populären Stars oft zwei- und dreistellige Kartenpreise bezahlen – als wär’s am Grünen Hügel.

Durch Europas Stadien toben die rockenden Großväter, The Who, die Stones & Co., und in Bayreuth hat der bald 87-jährige Wagner-Enkel einen 80-jährigen Dichter zu dessen „Ring“-Debüt verpflichtet. Kulturzeit kennt eben andere Gesetze, hat einen längeren Atem als die Wirtschaft oder Politik. Und die Kunst geht, jedesmal neu, mit den ältesten Mythen um, die als kollektives Gedächtnis der Menschheit mehr speichern als jede aktuelle Datenbank. So wird eine wagnerianisch begeisterte Kanzlerin im „Ring“ auch dem Spiel des Mächtigen begegnen, der, knapp an Gold, Verträge bricht und Programme vergisst. Ein Amüsement zum Tode? Die Ursprungsidee der großen Festivals war von der Antike an: Im Ausnahmezustand des Festes erfahren Menschen mehr über sich selbst, über ihren Normalzustand. Die Deutschen haben dieses schöne Paradoxon gerade erlebt: bei der WM, dem größten Festival in diesem Sommer. Nun feiern wir weiter.
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