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Der Konvertit, das unbekannte Wesen

Die Debatte um Übertritte zum Islam stützt sich auf kaum nachprüfbare Zahlen – Experten halten Ängste für überzogen
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Berlin - Schon Anfang des Jahres warnte der Innenminister vor dem neuen inneren Feind: Die wachsende Zahl von Menschen, die zum Islam konvertierten, habe „etwas Bedrohliches“, sagte Wolfgang Schäuble in einem Interview der „Welt“ und sprach im gleichen Atemzug von „Terrorismus, der auf unserem eigenen Mist“ wachse. Das trug ihm nicht nur massive Kritik der muslimischen Verbände ein. Schäubles Mutmaßungen, so zeigte sich bald, auch einen entscheidenden sachlichen Haken: Die Zahlen, die zum Thema kursieren, sind nach Ansicht von Forschern und muslimischen Organisationen wenig seriös. Sie stammen meist vom „Islam-Archiv“ im nordrhein-westfälischen Soest, das sich selbst als älteste islamische Einrichtung im deutschsprachigen Raum bezeichnet, nach Einschätzung der „Zeit“ allerdings vor allem ein „pseudowissenschaftlicher Einmannbetrieb samt ein paar Hiwis“ ist.

Das Institut, dessen Umfragen vom Bundesinnenministerium finanziell unterstützt werden, tritt regelmäßig mit neuen Zahlen über neue deutsche Muslime an die Öffentlichkeit, die angeblich bei den Verbänden erhoben wurden. Die freilich bestreiten meist, sie geliefert zu haben. Im April 2001 etwa hieß es in Zeitungsberichten unter Berufung auf das Soester Archiv, in den zwölf Monaten zuvor sei die Zahl der Muslime um 160 000 gestiegen. Im Dezember 2005 vermeldete Soest, erstmals seien innerhalb eines Jahres mehr als tausend Deutsche Muslime geworden. Und im April 2007 war von 4000 neuen Muslimen die Rede, angeblich viermal mehr als im Vorjahr.

Es ist allerdings nicht nur ein Problem der richtigen, seriösen Methode festzustellen, wer Muslim ist oder wird. Muslime landen nicht automatisch in deutschen Statistiken, während die Mitglieder der großen Kirchen schon beim Finanzamt penibel registriert werden. Schließlich zahlen sie Kirchensteuer. Das tun Muslime nicht, und sie treten dem Islam auch nicht in amtlich verwertbarer Weise bei. Um Muslim zu werden, genügt es, das Glaubensbekenntnis vor zwei Zeugen zu sprechen. Die Leipziger Forscherin Monika Wohlrab-Sahr, die sich ausführlich mit Konvertiten und ihren Motiven beschäftigt hat, hält die Verbindung von Konversion und Gewalt ohnehin für einen Kurzschluss: Die Mehrheit seien Frauen, das Motiv meist die Heirat mit einem Muslim. Bei den Gewalttätern unter ihnen sei der Islam nicht mehr als ein Vorwand: „Es gibt radikalisierte politische Biografien, die sich ihr Material suchen, wo sie es finden.“

Einer, der sich mit der Psyche von Konvertiten auskennt, ist Hadayatollah Hübsch, Freitagsprediger in der Nuur-Moschee in Frankfurt am Main. 1969 ist er selbst zum Islam konvertiert. Hübsch hält es für „zwar schrecklich, aber auch verständlich“, dass Konvertiten nun unter „Generalverdacht“ stünden. Es sei eben deren „generelles Problem“, sagte er dem Tagesspiegel, dass sie „im Feuereifer der Bekehrung meinen, Opfer bringen zu müssen“. „Durch ihre fanatische Haltung geraten viele Konvertiten ins Visier der Ermittler“; zudem praktizierten viele von ihnen die „Taqia“: Sie seien überzeugt davon, dass sie lügen dürften, wenn es dem Islam dient. „Dann ist klar, dass die Ermittler ein Misstrauen zu diesen Leuten aufbauen“, sagt Hübsch. Wie viele so fanatisch sind, dass sie sich zu Terroristen ausbilden lassen, weiß er nicht. „Ich kenne keinen.“. Dass man als Muslim ohnehin unter Generalverdacht stehe, habe er nach den Anschlägen des 11. September erlebt: „Das habe ich 2001 am eigenen Leib erfahren, wie die Leute einen anschauen, wenn man in einem traditionellen Gewand durch die Straße geht.“

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 07.09.2007)
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Kommentare [ 2 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von maxim maxim ist gerade offline | 7.9.2007 8:17 Uhr
Konversionen nicht das Problem
Konversionen zum Islam sind nicht das Problem. Wenn jemand in einer neuen Religion und Spiritualität Heimat findet, ist das absolut in Ordnung. Gerade in einem Land wie Deutschland, das zwar reich, aber arm an "Narrativen", letztlich auch arm an tiefer gehenden interkulturellen Erfahrungen ist, können diese Konvertiten, solange sie nicht fanatisch werden (und die Gefahr gibt es im Islam leider) eine Bereicherung für Kultur und Gesellschaft sein.

Ein Problem scheint aber, daß es so außerordentlich leicht ist, diese Konversion zu machen, und auch die Motive wohl kaum hinterfragt werden. Und so daß auch wirklich gestörte Leute relativ ungehindert diesen Weg gehen können.

Herr Hübsch soll ruhig weiter im traditionellen Gewand durch die Straße gehen. Solange er in seinen Freitagspredigten nicht gegen Leute predigt, die mit anderen (traditionellen oder auch nicht-traditionellen) Gewändern gern über die Straße gehen würden. Von Hübschs Glaubensbrüdern wird niemand gern angefallen.
Comment
von mmoehling mmoehling ist gerade offline | 8.9.2007 13:56 Uhr
Konversionen sind das Problem - unter anderem
Hübsch war Interviewpartner der Jungen Freiheit und der Jungen Nationaldemokraten, dem NPD-Organ Deutsche Stimme ist er bei der Suche nach "Geistige[n] Visionen gegen den US-Kulturimperialismus" behilflich. Globalisierungskritik eint mittlerweile die NPD, PDS, Attac und fromme Geister wie Herrn Hübsch. Als Muslim der Ahmadiyya gibt er Frauen nicht die Hand, fordert die strikte islamische Geschlechterapartheit und hält zudem Schweinefleischverzehr für schwul machend, und allein deswegen für verwerflich. Minderheiten sind oft erstaunlich intolerant gegenüber anderen Minderheiten.

Warum aber enthält der TS diese Informationen dem Leser vor? Ist ein Minimum an Kontext denn zuviel verlangt? Und wie kommt Hübsch dazu, der nur einige Tausend Mitglieder einer reaktionären Sekte vertritt, hier die Position des Islams darzustellen?

de.wikipedia.org/wiki/Hadayatullah_Hübsch
deutsche-stimme.de/Sites/03-03-huebsch.html
sachsenpublizistik.de/inhalt_detail-7-1-5.html

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