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Gastarbeit auf Russisch

Jeder fünfte Arbeitnehmer ist ein Einwanderer – diese Gruppe leidet besonders unter der Krise
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Die Ismanows (Name von der Redaktion geändert) hatten ihr letztes Geld zusammengekratzt, die Nachbarn angepumpt und Aybek im Mai nebst guten Wünschen und ein paar Verhaltensmaßregeln 500 Dollar mit auf den weiten Weg vom südkirgisischen Osch im Fergana-Tal nach Moskau gegeben. Ein Drittel davon ging schon für die Zugfahrkarte drauf. Mit dem Rest sollte Aybek den Vermittler entlohnen, der ihm einen Job auf einer Baustelle besorgt hatte, und seinen Aufenthalt in der russischen Hauptstadt bestreiten, bis er dort seinen ersten Lohn ausgezahlt bekäme. Vereinbart waren 5000 Rubel monatlich – das sind etwa 140 Euro. Verdammt wenig für eine Stadt, die mittlerweile die teuerste der Welt ist. Für den Kirgisen Aybek dennoch eine astronomische Summe. Von dem in Moskau verdienten Geld wollte der 35-jährige Ingenieur zunächst seine Schulden bei Onkeln und Cousins daheim abstottern, dann auf die hohe Kante legen, was nicht fürs Essen draufgeht. In ein paar Jahren, so das Kalkül, würde er mit dem Ersparten zurück nach Osch gehen und dort einen kleinen Gemischtwarenladen auf dem Basar eröffnen. Inschallah, so Gott will.

Die Träume haben sich erledigt, noch bevor sie begannen. Schuld ist die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise, die inzwischen auch das noch vor kurzem boomende Russland kräftig beutelt. Die russischen Börsen verloren seit Juni bis zu 75 Prozent ihres Wertes. Die Kreditwirtschaft liegt am Boden, das bekommen jetzt selbst die Oligarchen des Landes zu spüren. Banken verlangen von Hausbesitzern die vorzeitige Rückzahlung ihrer Darlehen. In Moskau gibt es erste Berichte über leere Regale in den Supermärkten. In der Stahl- und Autoindustrie wurde die Produktion zurückgefahren. Viele Betriebe mussten bereits schließen oder Kurzarbeit anordnen, besonders in der Baubranche, wo Investoren ihr Geld mehr und mehr auch aus attraktiven und renditestarken Objekten zurückziehen. Die Folge: Tausende bangen um ihren Arbeitsplatz oder haben ihn bereits verloren.

Betroffen sind davon in erster Linie die Gastarbeiter. Solche wie Aybek. Denn seine Geschichte ist kein Einzelfall. Was im Westen nur wenige wissen: Russland ist nach den USA das zweitgrößte Einwanderungsland der Welt. Gut ein Fünftel der Arbeitnehmer zwischen Kaliningrad im Westen und der Pazifikhalbinsel Kamtschatka im Fernen Osten sind Immigranten. Sie leben vor allem in Großstädten wie Moskau und St. Petersburg. Die Mehrheit der Gastarbeiter – Russland hat mit dem Phänomen auch das deutsche Wort dafür gleich mitübernommen – kommt aus den ehemaligen Sowjetrepubliken: aus der Ukraine und Moldawien, aus dem südlichen Kaukasus oder Kirgistan und den anderen Staaten Zentralasiens. Insgesamt weit über zwölf Millionen, von denen elf Millionen weder eine Arbeitserlaubnis noch eine Aufenthaltsgenehmigung haben.

Auch Aybek arbeitet schwarz und lebt in ständiger Furcht vor den Kontrollen der Polizei. Auf der Baustelle im Moskauer Südwesten und in dem Fünfgeschosser, der wegen Baufälligkeit bereits auf der Abrissliste steht. Dort teilt er sich mit neun anderen einen knapp 20 Quadratmeter großen Raum in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Geschlafen wird schichtweise. Zum Glück, sagt Aybek, würde auf der Baustelle auch nachts gearbeitet. Fragt sich nur, wie lange noch.

In Krisenzeiten, so Gewerkschaftsboss Michail Schmakow, dessen Arbeitnehmerverband nur dem Namen nach unabhängig ist, bei Radio „Echo Moskwy“, müsse Russland sich in erster Linie um Arbeitsplätze für Bürger Russlands kümmern. Ähnlich sieht das auch der einflussreiche Industriellen- und Unternehmverband. Dessen Lobbyisten drängen zudem auf Gesetzesänderungen, mit denen auch die bisher fälligen Abfindungen beim Verlust des Arbeitsplatzes ersatzlos gestrichen werden sollen. Für die Gastarbeiter ohnehin viel zu wenig, selbst wenn sie Arbeitsverträge haben. Um Steuern zu sparen, tragen die Arbeitgeber dort meist Summen ein, die erheblich unter den real gezahlten liegen. Auch die Kosten für die Rückfahrt in ihr Heimatland, die gegenwärtig der Arbeitgeber tragen muss, sollen künftig auf die Gastarbeiter selbst abgewälzt werden.

Auf Moskau, warnt Galina Jenjutina vom Zentrum für soziale Rechte der Arbeitnehmer, käme noch vor Wintereinbruch ein furchtbares Problem zu: Tausende Gastarbeiter würden völlig mittellos auf der Straße stehen. Um einfach überleben zu können, würden sie gezwungen sein, ihre Probleme „mit Gewalt zu lösen“: mit bandenmäßig organisierten Raubüberfällen und Plünderungen. Russische Medien raten den Besserverdienenden des Landes bereits, sich in diesem Jahr statt Heimkino einen Heim-Tresor zuzulegen.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 24.10.2008)
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