Artenschutz-Konferenz : Der Natur ein Stück näher

Beim UN-Gipfel in Bonn wurden kleine Erfolge im Kampf gegen das Artensterben in der Welt erreicht - doch der große Wurf blieb aus. Ein Abkommen gibt es erst 2010. Während Umweltminister Gabriel den Kongress als "Riesenerfolg" feiert, üben Umweltschutzorganisationen Kritik.

Dagmar Dehmer[Bonn]
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Balance für die Erde. Diese Aktion der Umweltorganisation "World Wide Fund for Nature" in Bonn symbolisiert das Anliegen. -Foto: ddp

Der Welt-Naturschutzgipfel ist „ein Riesenerfolg – gemessen an den Ausgangsbedingungen“. Das sagte Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD), der auch Präsident der Konvention über die biologische Vielfalt (CBD) ist, am Freitag zum Ende des Kongresses. Zwei Wochen lang hatten rund 7000 Delegierte aus 191 Staaten, Umweltgruppen und Wissenschaftler beraten. Herausgekommen sind nach Angaben des CBD-Sekretärs Ahmed Djoghlaf 173 Seiten mit Beschlüssen. Djoghlaf kam aus dem Strahlen gar nicht mehr heraus, denn sonst fristet seine Konvention ein kümmerliches Dasein. Seit der Verabschiedung beim Erdgipfel in Rio 1992 hat es keine verbindlichen Vereinbarungen darüber gegeben, wie das Ziel, das rasante Artensterben bis 2010 „signifikant zu verlangsamen“, erreicht werden kann. Doch jetzt hat die CBD zumindest eine kleine Schneckenspur hinterlassen. Der Chef des UN-Umweltprogramms, Achim Steiner, sagte: „Bonn ist ein wichtiger Moment in dieser Konvention.“

So ganz wollen sich auch die Nicht-Regierungsorganisationen dieser Interpretation nicht verschließen. Auch wenn sie das „Schneckentempo“ beklagen, das dem Ausmaß der Probleme gänzlich unangemessen sei, wie etwa Martin Kaiser von Greenpeace sagt. Aber es ist einiges in Bewegung gekommen: Beim Streit darüber, unter welchen Bedingungen Forscher und Firmen Zugang zu genetischen Ressourcen in Entwicklungsländern bekommen sollen, und wie diese an möglichen Gewinnen aus diesen Erkenntnissen beteiligt werden können – Access and Benefit Sharing (ABS) –, hat der Gipfel „einen konkreten Verhandlungsauftrag erteilt“, sagte Gabriel. Bis 2010 soll mit diesem „Bonner Mandat“ ein Vertragstext ausgehandelt sein, der rechtlich bindende Elemente enthalten dürfte. Es besteht die Chance, dass die von Entwicklungsländern lange vergeblich beklagte „Biopiraterie“ nach 2010 ein Ende finden könnte.

Der World Wide Fund (WWF) lobt, dass Kriterien für die Ausweisung von Meeresschutzgebieten vereinbart worden sind, die bis 2012 zu einem Schutzgebietesystem auf hoher See führen sollen. Für die Freisetzung von gentechnisch veränderten Bäumen ist ein De-Facto-Moratorium vereinbart worden. Ohne Risikoanalyse soll das nicht möglich sein, was angesichts des langsamen Wachstums von Bäumen dauern kann. Die Wissenschaftlerin Christine von Weizsäcker kritisierte aber, dass es bereits in 20 Ländern Freisetzungsversuche mit Gen-Bäumen gebe und Baumpollen bis zu 1000 Kilometer weit fliegen könnten.

Der Idee, großflächig Meere mit Eisenoxid „zu düngen“, um eine Algenblüte zu erzeugen und Kohlendioxid zu binden, schob der Bonner Gipfel einen Riegel vor. Gabriel sagte, es sei „erschrocken, was sich Menschen so alles zutrauen“. Am Ende beschloss der Gipfel sogar, die Reduktion von Treibhausgasen und die Anpassung an den Klimawandel als Beiträge zum Erhalt der Artenvielfalt zu betrachten – und der Klimakonvention darüber zu berichten, in welchen Fällen Klimaschutz zu einem weiteren Artensterben beitragen könnte. Gegen erbitterten brasilianischen Widerstand setzten die Delegierten durch, über die Folgen von Anbau und Nutzung von Agrartreibstoffen auf die Artenvielfalt zu beraten und beim Gipfel 2010 im japanischen Nagoya Leitlinien zur nachhaltigen Erzeugung zu diskutieren.

Die eigentlichen Fortschritte haben sich jedoch am Rande der Konferenz ereignet. In Brasilien, Indonesien und der Demokratischen Republik Kongo sollen neue große Schutzgebiete entstehen. Zum Teil bezahlt mit den Milliarden Euro, die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zugesagt hat. Gabriel rechnet fest mit weiteren Beiträgen für seine Live-Web-Initiative, in der Entwicklungsländer Schutzgebiete anbieten können, um dort Geldgeber dafür zu finden. „Einige nehmen ihre Schecks wieder mit, um noch die eine oder andere Null hinzuzufügen“, meinte er. Zudem soll der Schutz der Biodiversität auf dem G-8-Gipfel in Japan zur Sprache kommen und Thema einer Sondersitzung der UN-Vollversammlung werden. Außerdem dürften die Bildung eines ständigen Wissenschaftlergremiums, nach dem Vorbild des Welt-Klimarats, und die groß angelegte Studie über den Wert der Natur und die Kosten des Artenverlusts, deren ersten Teil in Bonn präsentiert worden ist, das Thema „international auf die Tagesordnung setzen“, hofft Steiner.

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