Politik : Arzneimittel unter Verdacht: Bayer-Medikament - auch Deutschland prüft Todesfälle

wez/pf

Nach einem unerwartet starken Gewinneinbruch im ersten Halbjahr will der Chemie- und Pharmakonzern Bayer weltweit 1800 Arbeitsplätze abbauen und 15 Produktionsanlagen schließen. Bayer-Chef Manfred Schneider kündigte am Donnerstag an, ein Großteil der Entlassungen betreffe ausländische Tochtergesellschaften. In Deutschland schloss er betriebsbedingte Kündigungen bis zum Jahr 2004 aus.

Nach dem Rückruf des wachstumsstärksten Bayer-Medikaments Baycol/Lipobay setzten am Donnerstag schlechte Quartalszahlen den Konzern weiter unter Druck. Das operative Ergebnis in den ersten sechs Monaten 2001 fiel um 23 Prozent. Der Kurssturz der Bayer-Aktie setzte sich daraufhin fort. Nachdem der Wert des Papiers schon am Mittwoch um rund 17 Prozent gefallen war, verlor die Aktie am Donnerstag zeitweise bis zu sechs Prozent.

In Deutschland werden mit dem Cholesterinsenker Lipobay bisher vier Todesfälle wegen Muskelzerfalls in Verbindung gebracht. Insgesamt gebe es hier zu Lande 90 Verdachtsfälle, bei denen das Medikament des Bayer-Konzerns zur Auflösung von Muskelgewebe geführt haben könnte, sagte Ulrich Hagemann vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte am Donnerstag in Bonn.

Bayer hatte das Präparat weltweit mit Ausnahme von Japan vorerst vom Markt genommen, nachdem es in den USA zu insgesamt 31 Todesfällen wegen Muskelzerfall gekommen war. In zwölf der Fälle war der Cholesterinsenker mit einem anderen fettsenkenden Mittel namens Gemfibrozil zusammen verordnet worden. Diese Kombination erhöhe das Risiko für Muskelzerfall um das 20- bis 50-fache, sagte der Herzspezialist Frank-Ulrich Beil vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf dem Tagesspiegel. Beil hält Lipobay nicht für gefährlicher als andere Cholesterinsenker aus der gleichen Wirkstoffgruppe und glaubt, dass zu hohe Dosierung zu den Komplikationen geführt haben könnte.

Unterdessen bereiten Anwaltskanzleien in den USA und Deutschland Schadenersatzklagen von Geschädigten vor, die das Cholesterin-Präparat Baycol eingenommen haben. Die Anwaltskanzlei Duffus & Melvin aus Raleigh im US-Staat North Carolina hat nach eigenen Angaben Kontakt mit der amerikanischen Lebensmittel- und Arzneimittelbehörde (FDA) und Anwaltskanzleien in anderen Staaten aufgenommen. Sie verfolgen das Ziel, bei einem US-Bundesgericht eine Sammelklage einzubringen. Auch der Münchener Anwalt Michael Witti prüft Grundlagen für Klagen gegen den Pharma- und Chemiekonzern. "Wir prüfen das umgehend", sagte der als Anwalt von Holocaust-Opfern im Streit um die Entschädigung von Zwangsarbeitern bekannt gewordene Witti am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters. Zu den Erfolgsaussichten äußerte er sich aber vorsichtig. Ein möglicher Prozess könne sich lange hinziehen.

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