Politik : Arzneimittelbudget: Die Therapie beginnt bei den Ärzten

Hartmut Wewetzer

Wie man es auch dreht und wendet: Das Geld scheint vorne und hinten nicht zu reichen. Die niedergelassenen Ärzte klagen, ihr Budget sei zu niedrig. Und sie kündigen an, ihre Versorgung zu rationieren und für das gleiche Geld künftig weniger zu arbeiten: Deflation also statt der bisher eher üblichen Inflation ärztlicher Leistungen. Das jedenfalls war der Tenor der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, deren Vertreter sich am Wochenende in Berlin trafen, um über eine Reform des Honorarsystems zu diskutieren. Einmal mehr spitzt sich der Konflikt mit den Krankenkassen zu, die Qualität und Wirtschaftlichkeit einfordern.

Zudem ist da noch das Arznei-Budget, seit Jahren ein heftiger Streitpunkt. 1999 sollen die Ärzte die Ausgabengrenze von 38,7 Milliarden Mark um bis zu 800 Millionen Mark überschritten haben. Nun droht den Kassenärzten der Regress: Theoretisch müssten sie bis zu 500 Millionen Mark zurückzahlen oder aber mit dieser Summe ihr künftiges Budget belasten.

Ist der Kostenrahmen für Arzneien und Hilfsmittel zu knapp bemessen? Sollte man das Arzneibudget aus der Welt schaffen, wie manche ärztliche Standespolitiker meinen? Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, was die Folge wäre: ein deutlicher Anstieg der Arzneimittelkosten und Gefahr für die Stabilität der Krankenkassenbeiträge - ohne dass sich die Gesundheit der Bundesbürger vermutlich merklich bessern würde.

Auf der anderen Seite klagen die Kassenärzte zu Recht, dass sie in Kollektivhaft genommen werden: Alle Kollegen sollen dafür büßen, wenn einige wenige zuviel Medikamente verschreiben. Hinzu kommt, dass die Kassen nicht im Stande sind, rechtzeitig vor dem Überschreiten des Budgets zu warnen. Und dann ist da noch der teure medizinische Fortschritt in Form neuer Präparate. Schon klagen manche Ärzte, sie könnten ihren Patienten nicht mehr die besten Medikamente verschreiben.

Gegen die Gefahr der Rationierung hilft nur die Rationalisierung. Das Arznei-Budget ist groß genug, um jedem Patienten das Wesentliche zukommen zu lassen. Vorausgesetzt, die Ärzte lassen sich nicht dazu hinreißen, aus Unkenntnis oder Gefälligkeit jeden Firlefanz zu verschreiben. Unabhängige ärztliche Fortbildungveranstaltungen für Arzneimittelkunde haben sich als höchst budgetschonend erwiesen: Mediziner, die mehr wissen, verschreiben vernünftiger.

Das allein wird aber nicht genügen. Auch der Kreis erstattungsfähiger Arzneien sollte auf jene Mittel eingeschränkt werden, die sich als sinnvoll erwiesen haben. Sonst kann der Patient, dem die Rheumasalbe oder das durchblutungsfördernde Mittel vom sparsamen Hausarzt versagt wurde, einfach zur Konkurrenzpraxis an der nächsten Ecke gehen oder sich an seine Krankenkasse wenden - die natürlich behaupten wird: "Wir zahlen selbstverständlich alles!" Aber gerade die gesetzliche Einschränkung der Arzneitherapie auf die wirksamen Mittel stößt auf große politische und juristische Widerstände. Vorerst bleiben beim Rezeptieren deshalb vor allem die Vernunft und der Sachverstand der Ärzte gefragt.

Die ambulante Versorgung der Patienten muss auch in Zukunft sichergestellt sein. Deshalb sollte die Arzneiversorgung und die Vergütung ärztlicher Leistungen von Ärzten und Krankenkassen einvernehmlich geklärt werden. Auch wenn viele Kassenärzte mit ihrer Situation unzufrieden sind: Auf Wunder dürfen sie nicht hoffen, denn den wirtschaftlichen Aufschwung wird sich die Politik von steigenden Sozialbeiträgen nur ungern gefährden lassen. Auf der anderen Seite wird immer deutlicher, dass sich eine hundertprozentige medizinische Rundum-Versorgung durch die Krankenkasse nicht mehr für alle Zeit aufrechterhalten lässt.

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