Politik : Asiaten helfen Asiaten

Junta nimmt Angebote der Nachbarstaaten an

Moritz Kleine-Brockhoff

Nach langem Warten auf ein Visum ist John Holmes, UN-Untergeneralsekretär für humanitäre Angelegenheiten und höchster UN-Nothilfekoordinator, am Sonntagabend in Rangun eingetroffen. Holmes soll drei Tage im Land bleiben. Er hofft, Birmas Diktator Than Shwe zu treffen und ihm einen Brief von UN-Chef Ban Ki Moon zu übergeben. Ban fordert eine weitergehende Öffnung des Landes für Güter und Helfer. „Mehr als zwei Wochen nach dem Ereignis sind wir an einem kritischen Punkt. Sollte nicht mehr Hilfe schnell ins Land kommen könnte sich die Krise dramatisch verschlimmern. Es herrscht tiefe Sorge und immense Frustration“, sagte Ban. Er hatte zuvor zwei Mal an Birmas Diktator geschrieben und mehrfach versucht, ihn telefonisch zu erreichen. Ob Shwe, der am Sonntag erstmals Sturmopfer in einem Flüchtlingslager bei Rangun besuchte, den UN-Diplomaten Holmes empfängt, ist noch unklar. Vergangene Woche hatten der EU-Kommissar Louis Michel und Thailands Premier Samak Sundaravej bei Besuchen in Birma keine Zusagen bekommen. „Sie bestehen darauf, dass ihr Land das Problem alleine lösen kann“, sagte Samak nach den Gesprächen.

Die britische Hilfsorganisation „Save the Children“ warnt vor dem Hungertod von Tausenden von Kindern im Irrawaddy-Delta, dem schlimmsten Katastrophengebiet. Dort gelten 133 000 Menschen als tot oder vermisst, etwa zwei Millionen Überlebende brauchen Hilfe. In der Gegend seien bereits vor dem Zyklon 30 000 Kinder unter fünf mangelernährt gewesen. „Wer dieses Stadium erreicht, kann innerhalb von Tagen sterben“, sagte Jasmine Whitbread, die britische Chefin von „Save the Children“. Ein Geschäftsmann, der ins Delta gelangt war, sagte der Nachrichtenagentur AFP: „Die Lage ist unbeschreiblich fürchterlich.In einer Hütte ohne Dach sah ich 100 zusammengekauerte Menschen im Regen.Es gab kein Essen und kein Wasser. Alle hatten nicht mehr als ihre Kleidung. Sie zitterten in der Kälte.“

Schiffe aus den USA und aus Frankreich liegen mit mehreren Tausend Tonnen Hilfsgütern in der Nähe des Irrawaddy-Deltas und haben keine Erlaubnis der Junta, in die Gewässer Birmas zu fahren. Nach UN-Angaben hat Birma bislang 40 Visa für UN-Mitarbeiter und 46 Visa für Personal von Nichtregierungsorganisationen erteilt. Allerdings dürfen manche Auslandshelfer nicht im Irrawaddy-Delta arbeiten, es ist nach wie vor abgeriegelt für westliche Ausländer. Sie können seit Freitag offenbar die Stadt Rangun auf dem Landweg gar nicht mehr verlassen. Nach Medienberichten haben Sicherheitskräfte weitere Kontrollpunkte errichtet. „Ein Ring ist um Rangun gezogen worden und Westler müssen drin bleiben“, sagte Tim Costello, der australische Chef der Hilfsorganisation World Vision.

Während Birmas Junta westlichem Personal gegenüber misstrauisch bleibt, sind immer mehr asiatische Helfer und immer mehr Güter aus aller Welt willkommen. Am Wochenende trafen 82 Ärzte aus Indien und aus Thailand ein. Die US-Luftwaffe darf nun regelmäßig mit Transportmaschinen in Rangun landen und Hilfsgüter abladen. Nach Junta-Angaben gab es bis Samstag vier US-Flüge, nach Informationen des britischen Senders BBC landeten US-Maschinen schon 20 Mal. UN-Flugzeuge sowie Maschinen aus Thailand, Australien, Japan, Indien, Deutschland, Bangladesch, China, Singapur und Malaysia durften ebenfalls landen. „Hilfe beginnt zu fließen“, sagte der britische Staatssekretär Lord Malloch-Brown, der gerade Rangun besucht. Mit Hilfe von Ländern des südostasiatischen Staatenbundes Asean sei ein Kompromiss gefunden worden, mit dem Birma leben könne, sagte Malloch-Brown, ohne Details zu nennen. Birma gehört dem Staatenbund an.

Alle Asean-Außenminister treffen sich am Montag in Singapur. Ziel ist, unter Einbeziehung Birmas eine „Koalition der Barmherzigkeit“ zu gründen, die eine führende Rolle bei der Koordination von Sturmhilfe übernehmen soll. Laut Malloch-Brown wurde bislang nur ein Viertel der Überlebenden erreicht. Nach Angaben der Junta wurden mehr als 5000 Tonnen Hilfsgüter angenommen.

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