Asien-Reise : Merkel will Kopfpauschale fürs Klima

Kanzlerin Merkel lässt auf ihrer Reise durch Asien beim Klima nicht locker. Ihr neuester Vorschlag: Staaten - und damit vor allem Schwellenländer - dürfen beim Pro-Kopf-Ausstoß von CO2 nicht über das Niveau der Industriestaaten hinauskommen.

Ulrich Scharlack[dpa]
Merkel
Auf gute Zusammenarbeit: Angela Merkel trifft in Japan mit ihren Klimaplänen auf offene Ohren. -Foto: dpa

TokioNach 17 Minuten verbeugte sich der Hofbeamte des Palastes vor Kaiser Akihito und der deutschen Bundeskanzlerin. Das war das Zeichen, dass der Empfang für die Regierungschefin aus Deutschland in Tokio beendet ist. Doch der Tenno redete trotz der eigentlich auf 20 Minuten bemessenen Audienzzeit in dem riesigen, in beige gehaltenen Raum weiter mit Angela Merkel über Klimawandel und erneuerbare Energien.

Auch in Japan ist die Erderwärmung seit Wochen eines der wichtigsten Themen. Der Sommer war heiß und drückend. Bewohner Tokios berichten, dass die heiße Jahreszeit noch stickiger war als in den vergangenen Jahren. Deutschland klagt über zunehmende Unwetter. In der japanischen Hauptstadt sind Kreislaufzusammenbrüche ein Problem. Und so interessierte sich an diesem Tag nicht nur das japanische Staatsoberhaupt für die Frau, die sich in seinem Land einen Namen als Verfechterin für den Klimaschutz gemacht hat.

Merkel betont Schlüsselrolle der USA

Nach knapp 30 Minuten verabschiedete sich Merkel mit einer Verbeugung von Akihito. Aber auch eine Stunde später wurde sie in einem vollbesetzten Wirtschaftsforum hauptsächlich nur zu einem Thema gefragt: Wie es im Klimaschutz weltweit weitergehen soll. Und auch unter dem Eindruck ihrer Gespräche in China und Japan, inspiriert von ihren Informationen vom Grönland-Trip, wurde sie überraschend deutlich. Die Botschaft: Verbindliche Klimaschutzziele für alle Staaten der Erde, eine künftige Decklung des Kohlendioxid-Ausstoßes auch für die Schwellenländer wie China und Indien und die Betonung der Schlüsselrolle der USA.

Merkel will sich nicht auf dem Erfolg des G8-Gipfels von Heiligendamm ausruhen, wo im Juni erstmals die führenden Industriestaaten ein konkretes Reduktionsziel für die Welt ins Auge gefasst hatten: Die Halbierung der globalen Kohlendioxid-Reduktionen bis 2050. Dies war für sie allenfalls nur ein Anfang. Für die Kanzlerin reicht als Zielvorgabe nicht, dass sich jeder Staat Mühe geben solle. Das hatte sie am Vortag ein wenig bei Japans Premierminister Shinzo Abe herausgehört. Merkel will in dem Klimaschutzvertrag, der 2012 das Kyoto-Protokoll ablöst, harte Zahlen und nicht die Formulierung von Wünschen oder Absichtserklärungen.

Renitente Schwellenländer

Noch bedeutender als das Plädoyer für verbindliche Zahlen könnte jedoch in den nächsten Jahren ein zweites Element werden. Die Schwellenländer wie Indien und China sind derzeit noch nicht bereit, sich auf konkrete Reduktionszahlen einzulassen. Sie fürchten, wie Merkel zu Beginn ihrer Fernost-Reise in China auch mehrfach hörte, um ihre Entwicklungschancen. Und in Heiligendamm hatte ihr auch Indiens Premierminister Manmohan Singh entgegen geschleudert: "Wir sind kein Hauptverschmutzer."

Singh zeigte sich allenfalls bereit, über eine Deckelung des Pro-Kopf-Ausstoßes von CO2 zu reden. Diesen Vorschlag legte Merkel nun in Tokio überraschend aufs Tablett. Dabei ist ihr klar, dass Indien mit seinen 1,1 Milliarden Menschen dann noch riesige Mengen an Kohlendioxid ausstoßen dürfte. Nur - und das ist Teil zwei des Vorschlags - dürfte dieser Pro-Kopf-Ausstoß niemals höher werden als der der Industrieländer.

Im Boot der Klimaschützer

Das bedeutet: Je stärker zum Beispiel Deutschland und Europa ihre Emissionen in den nächsten Jahren zurückfahren würden, desto weniger stiege auch der Spielraum für die Inder und Chinesen an. Deren Gesamtausstoß wäre wegen der Bevölkerungsgröße zwar immer noch groß. Der Mechanismus könnte aber bewirken, dass die Schwellenländer überhaupt mit ins Boot der Klimaschützer kommen. Und zudem: Die alten Industriestaaten hätten es durch ihre Anstrengungen in der Hand, praktisch eine Obergrenze für den Kohlendioxid-Ausstoß festzulegen.

Zum Abschluss ihrer Reise fährt Merkel am Freitag auch nach Kyoto. Dort hat sie 1997 als Umweltministerin das erste konkrete, weltweite Klimaschutzabkommen maßgeblich mitausgehandelt. In Tokio arbeitete sie am nächsten.

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