Asien : Truppen am Tempel

Thailand und Kambodscha schicken Soldaten zu einem Hinduheiligtum im Grenzgebiet und wärmen alte Konfliktthemen auf.

Moritz Kleine-Brockhoff

JakartaDie Lage ist ernst: Die beiden südostasiatischen Königreiche Thailand und Kambodscha haben insgesamt 2000 Soldaten an einen Tempel in ihrem Grenzgebiet geschickt. Sie richteten zwischenzeitlich ihre Gewehre aufeinander. „Frieden und Stabilität in der Region sind bedroht“, meint Kambodschas Premier Hun Sen. Er fordert eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates. „Die Sache sollte zwischen den beiden Staaten geregelt werden“, findet Boonsrang Niumpradit, Thailands höchster General. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon zeigte sich besorgt über die eskalierende Spannung. Am Montag wollten sich die Außenminister beider Länder treffen, um eine weitere Eskalation des Streits zu vermeiden.

Es geht um den 900 Jahre alten hinduistischen Tempel Preah Vihear und darum, dass Thais und Khmer sich nicht sonderlich mögen. Zwar liegen Kriege lange zurück, aber noch vor fünf Jahren machten Kambodschaner in ihrer Hauptstadt Phnom Penh Jagd auf Thailänder und zündeten deren Restaurants, Hotels, Geschäfte und die Botschaft an. Ein Satz in einer thailändischen Seifenoper, mit dem Kambodschas weltberühmte Angkor-Tempel Thailand zugeschrieben wurden, hatte die Gewalt ausgelöst.

Der Satz war so unverständlich wie die Reaktion, Angkor Wat liegt tief in Kambodscha und ist seit 100 Jahren unumstritten. Beim Preah Vihear, dem Tempel, der im Moment für Unruhe sorgt, ist Streit dagegen nachvollziehbar. Die Ruinen stehen auf einer Klippe, die Teil einer Wasserscheide ist, welche die Grenze markiert. Kartografen aus Frankreich, früher Kolonialmacht Kambodschas, wichen 1907 beim Anlegen einer Karte vom natürlichen Grenzverlauf ab, um den einst von Khmer erbauten Tempel Kambodscha zuzuschreiben.

Thailand nahm das zunächst hin, beschwerte sich später und besetzte 1954 den Preah Vihear, als Frankreich Südostasien verließ. Kambodscha klagte am internationalen Gerichtshof in Den Haag und bekam dort 1962 recht. Thailand, so die Richter, habe die französische Karte ein halbes Jahrhundert lang akzeptiert und müsse deshalb mit dem Verlust des Tempels leben. Allerdings betraf das Urteil nur den Hauptkomplex Preah Vihear. In der Umgebung liegen kleinere Ruinen auf 4,6 Quadratkilometer Land, das bis heute umstritten ist.

2006 und 2007 torpedierte Thailand Kambodschas Bemühungen, den Tempel samt Umgebung als Weltkulturerbe anerkennen zu lassen. In diesem Jahr gab Thailand den Widerstand auf. Außenminister Nappadon Pattama akzeptierte in einem bilateralen Abkommen eine neue Karte aus Phnom Penh, die den Tempel Kambodscha zuschreibt. Nappadon fand, er habe Thailands Souveränität verteidigt, weil die Kambodschaner sich mit ihrer jüngsten Karte, anders als zuvor, die umstrittenen 4,6 Quadratkilometer in der Tempelumgebung nicht mehr einverleiben. Auf der neuen Karte ist das fragliche Gebiet nicht aufgegeben, sondern einfach nicht verzeichnet.

Thailands Opposition sah Landesverrat. Viele Thais waren nicht begeistert, als die UN Preah Vihear am 7. Juli zum Weltkulturerbe erklärten, das Kambodscha gehöre. Der Außenminister trat zurück. Erst schickte Kambodscha Soldaten ins Grenzgebiet, dann Thailand. „Soldaten aus Thailand drangen nach Kambodscha ein und wir haben sie festgenommen“, sagte Khieu Kanharith, Kambodschas Regierungssprecher. Thailand findet, dass seine Soldaten ihr Land nicht verlassen haben, es gebe keinen Grund zu Rückkehr.

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