Asienforscher Karsten Giese : "Zerfall Chinas nicht zu erwarten"

Die Demonstrationen der Tibeter finden weltweit große Aufmerksamkeit. Könnte dies einen möglichen territorialen Zerfall Chinas befördern – so wie wir Anfang der neunziger Jahre den Zerfall der Sowjetunion erlebt haben?

Das würde ich ausschließen. Die größte Furcht einer jeden chinesischen Regierung bestand historisch schon immer darin, dass es zu einem solchen Zerfall kommt. Alle Sezessionsbestrebungen werden im Keim erstickt.

Wie wird Peking mit demonstrierenden Tibetern weiter umgehen?

Die Regierung wird auf Repression und Unterdrückung der Demonstranten setzen. Selbst wenn sich die Zentralregierung in Peking stärker auf eine moderne Deeskalationsstrategie einlassen würde, sind die chinesischen Armee- und Polizeikräfte dazu gar nicht ausgebildet.

Lässt sich die chinesische Führung von der Diskussion über einen Boykott der Olympischen Spiele beeindrucken?

Das ist zu bezweifeln. Es wäre vom Ausland aus auch keinem Chinesen klarzumachen, warum die Spiele boykottiert werden. Es ist allgemeine Überzeugung in China, dass Tibet zum Staatsterritorium gehört. Es gibt auch wenig Verständnis dafür, dass das Ausland angesichts der Unruhen in Tibet so aufschreit. Eine große Mehrheit ist der Überzeugung, dass es sich hier um eine innerchinesische Angelegenheit handelt.

Können die Olympischen Spiele in Peking zur Demokratisierung des Landes beitragen?

Das sehe ich kaum. Der Wunsch nach Demokratie westlicher Prägung ist in China so nicht vorhanden. In China sind urbane Mittelschichten mit entsprechendem Wohlstand entstanden. Diese Schichten fordern zwar Partizipation ein, aber keine Demokratie im Sinne einer parlamentarischen Demokratie. Das Ein-Parteien-System findet auch deshalb große Zustimmung, weil es keine alternative politische Kraft gibt, die Stabilität und Wohlstand garantieren kann.

Die Fragen stellte Albrecht Meier.

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