Politik : Asmara, eine Stadt nur für Frauen und Kinder

Christoph Link

Italienische Cafés, blitzblanke Alleen, pünktliche Linienbusse, hochmoderne Neubauten: Asmara, die Hauptstadt Eritreas, ist vielleicht einer der europäischsten Orte Afrikas. Mediterranes Flair umgibt die 400 000-Einwohner-Stadt; der Krieg mit Äthiopien, der im Mai 1998 wegen eines Grenzstreifens in der Ebene von Badme entbrannt war, ist hier bis vor kurzem nur selten spürbar gewesen. Doch es hat sich etwas geändert in Asmara. Man merkt es daran, dass weniger Autos in den Straßen unterwegs sind. Vor allem aber sind die Männer verschwunden.

Eritrea zählt nur 3,5 Millionen Einwohner, Äthiopien hat 60 Millionen. Also müssen die Männer ran. Fast jede Familie in Asmara hat einen Angehörigen an der Front, denn die Armee des Feindes hat weite Teile im Südwesten des Landes erobert, und die Äthiopier sind auf dem Vormarsch.

Es herrsche eine bedrückende Atmosphäre, sagt Froweni H., in dieser Stadt für Frauen und Kinder. Die Eritreerin, die lange Zeit in Deutschland lebte und nach der Unabhängigkeit Eritreas mit ihrem Sohn in die Heimat zurückkehrte, hofft inständig, dass die Stadt nicht evakuiert wird.

Täglich demonstrieren die Asmarer für den Frieden: Erst protestierten die Studenten, dann die Arbeiter, gestern die Frauen. Friedensmärsche hat es in Asmara schon häufig gegeben, doch nie waren die Demonstranten so empört, zum ersten Mal sieht das kleine Eritrea seine Existenz bedroht: "Wo bleibt die UN?", skandierten die Studenten und forderten ein Eingreifen von UN-Truppen gegen den "Aggressor".

Es ist paradox, aber die jüngsten Kriegsmeldungen stimmen die Asmarer zuversichtlich. Zwar haben die Äthiopier die strategisch wichtige Stadt Barentu eingenommen, doch sie sei froh, sagt Froweini H., dass das Militär so klug gewesen sei, Barentu dem Feind zu überlassen. So habe man wenige eigene Verluste zu beklagen. Auch die Ausländer in Eritrea, vorwiegend Italiener, Deutsche und Briten, schwanken zwischen Hoffen und Bangen. Angeblich sind alle Flüge ausgebucht, und die Amerikaner haben eine Maschine gechartert, um Landsleute und Ausländer für den Wucherpreis von 1000 US-Dollar nach Frankfurt auszufliegen. Andererseits ist die Lufthansa in den letzten Tagen noch regelmäßig von Asmara aus geflogen. "Die Leute buchen wie wild und treten dann die Flüge nicht an", sagt ein Deutscher in Asmara, beim letzten Flug nach Frankfurt seien sogar 40 Sitze frei geblieben.

Die Kriegslage bleibt verworren, und den täglichen Siegesmeldungen der äthiopischen Regierungssprecherin Salomé Tadesse, die gerne von der "kühnen Luftwaffe" Äthiopiens oder den "heldenhaften Verteidigungstruppen" spricht, die mittlerweile tief in Eritrea stehen, setzt Asmara eigene Propaganda entgegen. "Unsere Armee ist nach zehn Tagen des Kampfes völlig intakt", behauptet Eritreas Regierungssprecher, die "anderen" hätten zwar "den Vorteil der Überraschung" gehabt, aber jetzt werde man sehen, wie es weitergehe.

Vor der Eroberung durch die Äthiopier war Barentu ein pulsierendes, vom Islam dominiertes Städtchen. Der Gouverneur logierte dort, ein neues Hotel mit Terrasse und Ziegenbraten auf der Speisekarte hatte eröffnet, die Handelsstraße zum Sudan belebte sich. Es herrschte Frieden unweit der Front. Auch in Kriegszeiten sah man hier Baukolonnen, die mit modernem Gerät die Landstraße asphaltierten.

Inzwischen ist Barentu verlassen von seinen Bürgern. Nur die äthiopischen Soldaten sind da. Die Offiziere hätten alle Zimmer im Hotel beschlagnahmt, berichtete ein Reporter der Agentur "Agence France Presse" (AFP), äthiopische Soldaten spielten Fußball und hörten Musik vom Kassettenrekorder; bis auf die Explosion einer Mine, auf die ein Lastwagen gefahren sei, herrsche friedliche Ruhe im Ort. Nur vor den Toren der Stadt sind die Spuren der Kämpfe zu sehen, von denen kürzlich ein eritreischer Soldat, müde und gezeichnet vom stundenlangen Kampf, berichtete: "Die Äthiopier rückten in Hundertschaften an, eine Angriffswelle nach der anderen. Wir löschten sie aus, doch es kamen immer wieder neue. Die Übermacht war zu stark."

Von Barentu aus gelangt man gut an den Ort, an dem sich der Konflikt zwischen Eritrea und Äthiopien, das den kleinen Bruderstaat erst 1993 in die Unabhängigkeit entließ, entzündete: die Ortschaft Badme, in einer halbtrockenen Ebene gelegen und von Bergketten umrahmt. Es ist ein Wüstenstreifen, und oft wird betont, wie sinnlos der Krieg wegen dieses Fleckens sei. Doch für die Viehhirten, die im Südwesten Eritreas das steinige Buschland nutzen, ist das Land alles andere als Wüste. Und Äthiopiens Regierungschef Meles Zenawi wird deshalb nicht müde, von der "Aggression" Eritreas zu sprechen. Alle kritischen Fragen - etwa wie ein Staat, in dem Millionen Menschen wegen der Dürre hungern, einen Krieg führen könne - beantwortet er mit dem Hinweis auf das Recht auch "eines armen Staates auf Verteidigung".

Die Aggression kehrt sich nun um. Aus strategischen Gründen, behauptet Äthiopiens Regierungssprecherin, habe man eritreisches Territorium besetzt, keineswegs aus imperialistischen Gelüsten. "Wir waren 1993 die ersten, die das unabhängige Eritrea anerkannten." Allerdings habe sich Eritrea zu einem "rohen Staat" entwickelt, in dem das "Gesetz des Dschungels" herrsche.

Das Flüchtlingselend ist groß. Eine halbe Million Menschen sind durch den Krieg vertrieben worden. Gestern trafen 25 000 Flüchtlinge in Kassala im Osten des Sudan ein. Der Gouverneur, Ibrahim Mahmoud Hamid, berichtet, man verteile Lebensmittel und Medikamente, und die Bäckereien arbeiteten Tag und Nacht.

In der Not rücken die Menschen zusammen. Eine Frau aus Akordat, die mit ihrem Kind zu Fuß vier Tage lang in Richtung sichere Gebiete unterwegs war, erzählt, wie sie immer wieder von vorbeimarschierenden Soldaten Essen und Trinken bekam. Ihre einzige Sorge sei ihr Mann, den sie an der Front lassen musste. Monatelang war es dort ruhig, jetzt wird wieder getötet.

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