Politik : Asymmetrische Kriegführung

JOSCHA SCHMIERER

Krieg als ultima ratio der Politik bewegt sich immer am Rand der Irrationalität.Auch Kriegsgegner können sich dem Schwindel nicht entziehen.Als Christian Ströbele im Bundestag die Anklage erhob, zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg gehe von deutschem Boden wieder Krieg aus, hatte er auf jede vernünftige Analyse verzichtet.Seit fast zehn Jahren geht von serbischem Boden ein hemmungsloser Vertreibungskrieg aus, der jetzt im Kosovo seinen traurigen Höhepunkt erreicht.In Slowenien, Kroatien und schließlich auch Bosnien-Herzegowina konnte dieser Krieg nur durch militärische Gegengewalt gestoppt werden.In den Krieg in Bosnien-Herzegowina hatte die NATO schließlich eingegriffen und dazu beigetragen, daß er mit dem Abkommen von Dayton zumindest vorläufig ein Ende fand.

Ströbeles Aussage hat eine Grundlage in unserer Wahrnehmung.In ihr beginnt der Krieg erst, wenn die NATO eingreift.Damit wäre er auch beendet, wenn die NATO einen einseitigen Waffenstillstand erklärt.Aus der Rolle von indirekt beteiligten Akteuren hätten wir wieder in die Rolle der unbeteiligten Beobachter zurückgefunden.Es geht in dieser Polemik also gar nicht um den Krieg als objektives Geschehen, sondern um unsere subjektive Stellung ihm gegenüber.Wenn die NATO und die Bundesrepublik nicht in den Krieg verwickelt sind, findet er für uns nicht statt.Leider ist den Kosovo-Albanern diese Sichtweise versperrt.Auch die Bosnier konnten sie sich nicht zu eigen machen in all den Jahren, als die NATO sich von den Vorgängen in ihrem Land abseits hielt.

Tatsächlich finden in Serbien-Jugoslawien seit Wochen zwei Kriege statt.Auf dem Boden des Kosovo vertreiben serbisch-jugoslawische Einheiten systematisch die albanische Bevölkerung aus ihren Dörfern und Städten, zünden die Häuser an und berauben die Vertriebenen.Aus der Luft greift die NATO das Hinterland und die Infrastruktur dieser Vernichtungsmaschinerie an.Diese beiden Kriege berühren sich bisher kaum.Bleibt es dabei, kann man ausrechnen, wann es im Kosovo keine Albaner mehr gibt und Serbien-Jugoslawien ein Trümmerfeld sein wird.Milosevic hätte sein Kriegsziel erreicht, wenn auch mit gewaltigen Kosten.Die NATO wäre gescheitert, denn ihr Ziel ist ja nicht die Zerstörung Serbien-Jugoslawiens, sondern der Schutz der albanischen Bevölkerung im Kosovo.

Man sagt, die NATO habe die Hartnäckigkeit Milosevics in der Verfolgung seiner Ziele unterschätzt.Das mag sein.Ihre Strategie erklärt sich jedoch nicht aus dieser eventuellen Unterschätzung Milosevics.Von Anfang an sandte die NATO eine doppelte Botschaft aus: Wenn Milosevic sich auf kein Abkommen einlasse, werde die NATO mit Luftangriffen antworten, um ihn zu einem Einlenken zu zwingen.Vor einem Abkommen werde sie aber auf keinen Fall Bodentruppen einsetzen.Dieser zweite Teil der Botschaft war an die eigenen Gesellschaften gerichtet, um ihre Zustimmung zum ersten Teil zu erreichen.Milosevic verstand die doppelte Botschaft so: In seinem Kriegsziel, die Albaner aus dem Kosovo zu vertreiben, wird er durch die NATO nicht entscheidend behindert werden.Irgendwann werde es dann zu neuen Verhandlungen kommen, bei denen wie in Dayton die vollzogenen Tatsachen anerkannt würden.Aber auch Milosevic hat wohl die Hartnäckigkeit der NATO unterschätzt.

In Bosnien-Herzegowina setzte die NATO mit ihren Luftangriffen nur den i-Punkt auf die am Boden veränderten Kräfteverhältnisse.Im Kosovo ist sie aufgrund der völligen Desorganisierung der albanischen Bevölkerung durch brutalsten Terror die allein wirksame Gegenkraft.Die Asymmetrie der Kriegführung von Milosevic und NATO läßt aber keinen Ausweg, wenn nicht neue Elemente ins Spiel kommen; sei es, daß Rußland Druck auf Milosevic ausübt und ihm jede Hoffnung nimmt, es lasse sich in seinen Krieg hineinziehen, sei es, daß die NATO ihre Botschaft, sie werde die Vertreibungen nicht hinnehmen, verstärkt und den Einsatz von Bodentruppen vorbereitet, um die serbischen Terroreinheiten im Kosovo notfalls direkt anzugreifen.Beide Elemente schließen sich nicht aus, sondern bedingen sich eher gegenseitig.

Die Schwierigkeit der Bundesregierung und der Grünen speziell besteht darin, daß sie das eine Element einführen und das andere weiter ausschließen wollen.Sie haben vor allem die eigene Basis im Auge, nicht aber die Milosevics.Wenn er im Kosovo nicht gestoppt wird, wird dort die zweite Runde des fast schon zehnjährigen jugoslawischen Erbfolgekrieges eröffnet.Mazedonien, Montenegro und auch wieder Bosnien-Herzegowina werden dann die Schauplätze heißen.Die Irrationalität könnte sich austoben.

Der Autor ist Redakteur der in Frankfurt (Main) erscheinenden Monatszeitschrift "Kommune.Forum für Politik, Ökonomie, Kultur".Als erster Debatten-Beitrag "Die Grünen und der Krieg" erschien am 24.April eine Position des Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar