Politik : Atempause für den Bösen in Bagdad

Malte Lehming

Wenn es um Terror und den Einsatz von Massenvernichtungswaffen geht, fallen in den USA automatisch zwei Worte: Irak und Saddam. Dieser Reflex setzte auch diesmal ein, nach den Anschlägen vom 11. September und dem Auftauchen der Milzbrand-Erreger. Die Sowjetunion war einst das große "Reich des Bösen", der von Saddam Hussein regierte Irak gilt in den USA bis heute als das kleine "Reich des Bösen". Andere böse Länder wie Kuba, Iran oder Nordkorea folgen abgeschlagen auf hinteren Rängen.

Die heutige US-Regierung scheint sogar im besonderen Maße geneigt, alte Rechnungen mit Saddam begleichen zu wollen. Der jetzige Präsident ist der Sohn jenes Präsidenten, der es vor zehn Jahren versäumt hatte, den Diktator aus dem Amt zu jagen, Vizepräsident Dick Cheney war im Golfkrieg Verteidigungsminister, Außenminster Colin Powell Generalstabschef. Als George W. Bush unmittelbar nach dem 11. September einen "breit angelegten Krieg" ankündigte, der sich gegen alle Länder richte, die den Terrorismus unterstützen, schien die Sache klar: Bald ist der Irak wirklich fällig.

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Themenschwerpunkte: Gegenschlag - Afghanistan - Bin Laden - Islam - Fahndung - Bio-Terrorismus
Fotostrecke: Bilder des US-Gegenschlags Ganz so klar ist die Sache jedoch nicht. Zum Thema Irak äußert sich die Bush-Administration inzwischen sehr zurückhaltend. Ausdrücklich betont dagegen werden drei Dementis: Nein, es gebe keinen Beweis für eine Verstrickung Iraks in die Terroranschläge; nein, es gebe keinen Beweis, dass die Terroristen, die den Milzbrand-Erreger verschickt haben, den Kampfstoff aus dem Irak bezogen haben; nein, es gebe zur Zeit keine Pläne, die Kriegsziele auszuweiten. Zumindest vorerst kann Saddam Hussein offenbar ruhig schlafen.

Denn mit Beweisen für eine Verstrickung des Diktators können selbst die anti-irakischen Hardliner in den USA nicht aufwarten. Zu diesen zählen in erster Linie Vize-Verteidigungsminister Paul D. Wolfowitz, Ex-CIA-Direktor James Woolsey, die Kommentatoren William Safire ("New York Times") und Jim Hoagland ("Washington Post"). Diese vier lassen keine Gelegenheit verstreichen, um alle Übel dieser Welt mit dem Irak in Verbindung zu bringen. So lange Saddam herrscht, "gibt es keinen Frieden in der Region", sagt Wolfowitz, "es ist absurd zu behaupten, dass der Irak nicht aktiv mit dem Terrornetzwerk um Osama bin Laden zusammenarbeitet", ergänzt Safire. Indizien dafür gibt es freilich zuhauf. Woolsey ist sogar überzeugt davon, dass der Irak unmittelbar in die Terroranschläge verwickelt ist. Die engen Beziehungen zu bin Laden ließen sich bis ins Jahr 1993 rekonstruieren.

Die US-Regierung hört so etwas nur ungern. Mehr noch als im Golfkrieg ist sie diesmal, in ihrem Kampf gegen den Terror, auf den Rückhalt der arabischen Welt angewiesen. Eine Ausdehnung der "Operation dauerhafte Freiheit" auf den Irak würde die Koalition wahrscheinlich sprengen. Die Aufgabe, die es in Afghanistan zu lösen gilt, ist schwierig genug. Darum hat sich jetzt auch Bush Senior in die Debatte eingemischt. Es sei vollkommen richtig gewesen, sagte er, Saddam Hussein vor zehn Jahren nicht zu stürzen. "Andernfalls wären wir total isoliert gewesen, eine amerikanische Besatzungsmacht auf arabischem Boden."

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