Politik : Atom-U-Boot in Not: Abgestumpft beim Kampf ums Überleben - Wie die Russen reagieren

17.08.2000 00:00 UhrVon Elke Windisch

Russische Medien kennen seit Montag nur noch ein Thema: Das U-Boot-Drama in der Barentssee und das Schicksal der 118 Besatzungsmitglieder. Bisherige Dauerbrenner der Fernsehsender, wie Tschetschenien oder der Krieg der Mafia-Banden, tauchen, wenn überhaupt, höchstens als bloße Textmeldungen in den letzten fünf Minuten der Nachrichtensendungen auf. Das Politmagazin "Itogi", landesweit eine der quotenträchtigsten Sendungen, wegen des Sommerlochs aber gegenwärtig in den Ferien, plant für Sonntag sogar eine Sonderausgabe.

Für Kameramann Lew Sergejew (51) ist der erste Gedanke beim Aufstehen und der letzte beim Schlafengehen das Schicksal der Besatzung.

Der Mann, kampferprobt durch die Arbeit in allen Krisenregionen der ehemaligen Union, schimpft, trotz Festanstellung beim Staatssender RTR, was das Zeug hält, ob der Zögerlichkeit der eigenen Regierung, ausländische Hilfe bei der Rettung der Besatzung anzunehmen: "Eine abgrundtiefe Sauerei ist das." Sergejew meint, Behauptungen, wonach Moskau vermeiden wollte, dass Nato-Offiziere das "russische Wunder", wie die "Kursk" gern bezeichnet wird, aus nächster Nähe in Augenschein nähmen, könnten wahr sein. "Was zählt bei uns schon der Mensch, wenn es um Staatsgeheimnisse geht."

So ähnlich sehen es auch Offiziersfrauen in den Militärsiedlungen. Vor allem auf der Halbinsel Kola, vor deren Küste sich die Tragödie abspielt. Moskau habe das britische Hilfsangebot viel zu spät akzeptiert, viel wertvolle Zeit sei dadurch vertan worden, sagte eine Frau dem Privatsender NTW. Sie selbst habe niemand auf der "Kursk", aber das sei egal: "Es kann jeden von uns treffen. Jeden Tag." Auch in Kursk, einer Provinzhauptstadt südwestlich von Moskau, liegen die Nerven blank. In der Stadt, die dem Unglücksboot ihren Namen gab und die Patenschaft über dessen Besatzung übernahm, gibt es viele Eltern, deren Söhne auf dem Schiff ihren Wehrdienst ableisten. "Wie konnte das nur geschehen", fragt, eher rhethorisch, ein Familienvater. "Das Schiff war der Stolz unserer Seekriegsflotte."

Den Moskauern wiederum geht das Drama nicht sehr tief unter die Haut. Natürlich sei alles sehr traurig und schrecklich, lautet die Standardantwort bei Umfragen auf der Straße. Aber so richtig betroffen ist niemand. Es sei eben fremdes Leid, meint die Psychologin Natalja Nesterowa: "Auch wir Russen sind nur bedingt leidensfähig." Russland, sagt Nesterowa, sei leider ein Land, um das "offenbar kein Unglück einen Bogen macht": Tschetschenien, Terroranschläge, Kriminalität und bittere Armut. Man dürfte nicht vergessen, sagt Nesterowa, "dass für viele tagtäglich der nackte Existenzkampf angesagt ist". Das stumpfe ab.

Videos - Politik

Umfrage

Immer wieder wird der Verbleib Griechenlands in der Eurozone kontrovers diskutiert. Was denken Sie?

Service

Grüne Geschäfte - Der Blog

Wir können's besser: Für eine Wirtschaft, die Ressourcen und Klima schont
Der Blog von Tagesspiegel-Autorin Dagmar Dehmer und der Zeit-Online-Autorin Marlies Uken.

Rechtsextremismus in Deutschland

Weitere Themen

Das Kernkraftwerk Philippsburg im Landkreis Karlsruhe. Foto: dapd

Die aktuellen Tagesspiegel-Artikel aus unserem Atomkraft-Themenressort.

Atomkraft

Umfrage

Peter Altmaier von der CDU wird der neue Umweltminister - ist er der richtige Mann für den Posten?

Todesopfer rechter Gewalt

Tagesspiegel-Abo

Foto:

Werden Sie Tagesspiegel-Abonnent und sichern Sie sich tolle Prämien. Spezielle Angebote finden Sie in unserem Aboportal.

Leser werben Leser - Vermitteln Sie einen neuen Tagesspiegel-Leser und wählen Sie Ihre Wunschprämie.

Studentenabo - Profitieren Sie von unseren günstigen Studentenangeboten.

Probeabo - 14 Tage kostenlos den Tagesspiegel lesen.

Tagesspiegel App für iPhone und iPad.

Aboservice - Ob Urlaub, Umzug oder Schwierigkeiten bei der Zustellung - wir helfen Ihnen weiter.

Tagesspiegel Abo
Deutsche ISAF-Soldaten: Der Krieg in Afghanistan geht ins elfte Jahr. Foto: dapd

Der Einsatz am Hindukusch neigt sich dem Ende zu. Eine Übersicht über alle Artikel zum Afghanistan-Krieg finden Sie hier.

Alles über Afghanistan
Wie geht es weiter mit dem Euro und der EU? Foto: Reuters

Zehn Jahre Euro. Alle Artikel zur Finanzeskalation im Krisenjahr 2011, wirtschafts- und finanzpolitische Themen in unserem Themenressort.

Euro-Krise

Krankenkassen-Vergleich

Foto:

• Beitragsrechner
• Versicherungsvergleich
• Tipps zum Wechsel

Der schnelle Weg zur günstigen Krankenkasse.

Hier vergleichen
Foto:

Das politische Geschehen in der Hauptstadt. Hautnah. Alles über die Berliner Landespolitik und ihre Akteure lesen Sie hier.

Berliner Landespolitik
Braunkohle-Tagebau des Vattenfall-Konzerns bei Jänschwalde .Aus Jänschwalde und Cottbus-Nord werden täglich zirka 60.000 Tonnen Braunkohle gefördert. Mit dieser Energie kann der Tagesbedarf einer Großstadt gedeckt werden. Foto: dpa

Solarenergie, Berichte von den Klimakonferenzen, Atomkraft und vieles mehr aus den Themenbereichen "Energie und Umwelt".

Energie

Biowetter, Deutschlandwetter und internationales Wetter, Niederschlagsmengen, Reisewetter und aktuelle Satellitenbilder. Behalten Sie das Wetter im Griff!

Tagesspiegel Wetterseite