Politik : Atom-U-Boot in Not: Leere Batterien, rostende Schiffe, hungernde Rekruten

Doris Heimann

Die Vorgänge um das Unglück der "Kursk" werfen ein bezeichnendes Licht auf den desolaten Zustand der russischen Streitkräfte: Rettungsversuche scheiterten daran, dass die altersschwachen Akkus des Mini-U-Boots nach drei Stunden leer waren. Ob die "Kursk" selbst überhaupt Akkumulatoren für den Notbetrieb an Bord hat, ist nach Informationen der "Izwestija" ungewiss: Die Akkus sind bei der russischen Marine Mangelware, weshalb die U-Boote zu kürzeren Fahrten häufig ohne sie auslaufen müssen. Auch am Sicherheitstraining der Mannschaft wurde offenbar gespart.

In diesen Ausschnitten zeichnet sich die schleichende Katastrophe ab, die sich in Russland im Laufe der vergangenen zehn bis fünfzehn Jahre angebahnt hat. Die Dauer-Wirtschaftskrise hat es der ehemaligen Supermacht unmöglich gemacht, ihre Streitkräfte und Militärtechnik auf dem Niveau zu halten, das in der Zeit des Wettrüstens angestrebt wurde. Die Folgen sind fatal: Sowohl die Kreuzer und U-Boote der Nordmeer- als auch die der Pazifikflotte rosten in den Buchten von Murmansk und Wladiwostok vor sich hin. Kampfjets bleiben aus Treibstoffmangel am Boden. Soldaten und die mittleren Offiziersränge gehören zu den sozial unterprivilegierten Schichten, hungernde Rekruten sind keine Seltenheit.

Seit Beginn seiner Amtszeit hat sich Präsident Wladimir Putin für das von Unterfinanzierung gebeutelte Militär stark gemacht. Das Wehrbudget wurde bereits kräftig aufgestockt: Wurden 1999 noch 65,4 Milliarden Rubel (2,3 Milliarden Euro) für Armee und Rüstung ausgegeben, sind für das laufende Jahr 140,9 Milliarden Rubel veranschlagt. Allerdings schiebt das Militär bereits eine gigantische Schuldensumme von 60 Milliarden Rubeln für unbezahlte Energierechnungen und auf Pump gekauftes Kriegsgerät vor sich her. Eine Armee-Reform ist dringend notwendig, doch um sie entbrannte ein öffentlich ausgetragener Streit. Verteidigungsminister Marschall Igor Sergejew will die konventionellen Streitkräfte von 1,2 Millionen auf 800 000 Mann reduzieren. Sein Generalstabschef Anatolij Kwaschnin dagegen möchte die Kosten bei den strategischen Raketentruppen sparen und 400 der 780 Interkontinentalraketen verschrotten lassen. Eine Reduzierung des russischen Nuklearpotenzials lehnt Sergejew ab. Ein Ende des Konflikts ist nicht in Sicht.

Derweil birgt die verrottende Kriegstechnologie ein wachsendes Umweltrisiko. Das betrifft besonders die Marine: Sie hat allein bis 1998 mehr als 15 000 Kubikmeter festen und siebentausend Kubikmeter flüssigen radioaktiven Abfall angehäuft. Der größte Teil entfällt auf die Nordmeerflotte. Eine öffentliche Diskussion dieser Gefahr versucht Moskau zu unterdrücken: Als der U-Boot-Kapitän Alexander Nikitin der norwegischen Umweltschutzorganisation Bellona Informationen zuspielte, wurde er 1996 verhaftet und erst drei Jahre später freigesprochen.

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