• Atom-U-Boot in Not: "Unter den Rekruten ist die Selbstmordrate hoch" - Russland-Experte Frank Umbach über Putin und die Armee

Politik : Atom-U-Boot in Not: "Unter den Rekruten ist die Selbstmordrate hoch" - Russland-Experte Frank Umbach über Putin und die Armee

Ist es wahrscheinlich[dass Moskau längst wei]

Frank Umbach (36) ist Experte für russisches Militär am Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin.

Ist es wahrscheinlich, dass Moskau längst weiß, dass die Matrosen der Kursk tot sind, dies aber noch verschweigt?

Ich würde es nicht ausschließen. Aber es ist auch nicht sicher, ob der Generalstab überhaupt ganz konkrete Hinweise darauf hat, ob es nun noch Klopfzeichen gibt oder nicht. Auch die Ursache des Absinkens ist noch nicht klar. Die Hinweise auf eine Explosion im Bug lassen wahrscheinlich darauf schließen, dass dort ein Torpedo explodiert ist. Das ist auch deshalb anzunehmen, weil dies schon des öfteren passiert ist. Es würde auch erklären, warum ausgerechnet das modernste U-Boot der Russen betroffen ist.

Putin hat sich erst spät geäußert. Warum?

Es ist nicht ganz klar, wie früh Putin über den Unfall Bescheid wusste. Es gibt Beispiele aus der Zeit von Präsident Jelzin, wo dieser auch sehr spät informiert wurde. Vermutlich wusste Putin nicht vor Sonntagabend, wie ernst es ist, was wiederum die Frage aufwirft, welche Infos er tatsächlich zur Verfügung hat. Er hat auf kritische Fragen von Journalisten, warum er beispielsweise westliche Hilfsangebote nicht sofort angenommen habe, geantwortet, man habe ihm versichert, man könne es selbst schaffen. Ich halte das nicht für eine Ausrede.

Putin erscheint dann aber doch in einem anderen Licht. Ist er also gar nicht der starke Mann, für den ihn alle halten?

Ich glaube nicht, wie immer das Drama auch ausgeht, dass es die Frage nach Putins Stärke beantworten wird. Das Krisenmanagement ist sicher nicht glücklich, sondern erheblich zu verbessern. Ich erinnere aber auch an die Katastrophe von Tschernobyl. Gorbatschow war damals zunächst auch nur sehr wenig informiert. Es ist von außen nicht zu entscheiden, wie viele Informationen die Marine hatte und was davon direkt an Putin ging.

Was weiß man über den tatsächlichen Zustand der russischen Armee?

Der Zustand der Armee ist sehr schlecht. Das Dilemma liegt darin, dass seit 1989 immer von einer Reform gesprochen wurde, es aber bis heute keine grundlegende Reform gab. Es gibt viele Missstände, beispielsweise die so genannte "Dedovschina", was Großväterei bedeutet. Das heißt, die älteren Soldaten schinden die Rekruten. Und gerade unter diesen ist die Selbstmordrate hoch. Die Wehrpflichtigenzahlen sind in den letzten zehn Jahren außerdem um 20 Prozent zurückgegangen, was daran liegt, dass viele potenzielle Rekruten in einem fürchterlichen gesundheitlichen Zustand sind. Die Kriminalitätsrate in der Armee ist zudem in den letzten Jahren um 30 bis 40 Prozent angestiegen. Hinzu kommt, dass etwa 94 000 Angehörige der Streitkräfte und ihre Familien keine Wohnungen haben, Moskau schuldet dem Streitkräftepersonal rund 7,5 Milliarden Rubel.

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