Politik : Atomausstieg auf die englische Art

Das Ende der Wiederaufbereitung in Sellafield ist besiegelt

Dagmar Dehmer

Als Ausstieg aus der Atomindustrie würde die britische Regierung ihre Politik nicht bezeichnen. Aber tatsächlich tut sie nichts anderes. In ihrem „Weißbuch – Auf dem Weg zu einer klimafreundlichen Wirtschaft“ halten sich das britische Verkehrs- und das Umweltministerium mit der Atomenergie kaum auf. Sie sei „unwirtschaftlich“, und außerdem sei das Problem nicht gelöst, was mit dem radioaktiven Müll passieren soll. Und im Energiebericht, der dieser Regierungsstrategie zugrunde liegt, wird lakonisch festgestellt: „Die Entscheidung, ob neue Atomkraftwerke gebaut werden, bleibt der Privatwirtschaft überlassen. Nirgendwo in der Welt sind neue Atomkraftwerke innerhalb eines liberalisierten Energiemarktes finanziert worden.“

Genauso unsentimental beendet Großbritannien das Kapitel Wiederaufarbeitung von Atommüll. Die Aufarbeitungsfabrik Thorp, die erst 1994 in Sellafield in Betrieb genommen worden ist, um aus radioaktivem Müll plutoniumhaltige Brennstäbe für Reaktoren zu machen, hat noch Aufträge bis 2010. Dann ist aller Voraussicht nach Schluss. Paul Vallance, Sprecher der Betreiberfirma BNFL, sagt: „Ob es neue Aufträge für Thorp gibt, hängt von den Wünschen unserer Kunden ab.“ Da es davon nicht allzu viele gibt, kommt das auf das Gleiche heraus. Denn die deutschen Energiekonzerne, bisher die besten Kunden, werden den Müll aus ihren Anlagen künftig in dezentralen Zwischenlagern unterbringen und nicht mehr nach Sellafield schicken. Schon 2005 werden die Atomfabriken in Sellafield an den britischen Staat zurückfallen, denn BNFL ist „faktisch pleite“, wie die Anti-Atomkraftorganisation Core sagt. Der Konzern weist im Wirtschaftsjahr 2002/ 2003 für den laufenden Betrieb aller Anlagen einen Verlust von 109 Millionen Pfund aus.

Deshalb hat die Regierung beschlossen, dass sich die BNFL künftig mit dem Aufräumen beschäftigen soll. Der Konzern soll stillgelegte Atomanlagen abbauen und sich um die Lagerung der radioaktiven Abfälle kümmern. Bis 2025 rechnet die britische Regierung damit, dass nur noch ein Atomreaktor in Betrieb sein wird. Schon heute ist der Beitrag der Kernkraftwerke zur gesamten Energieversorgung Großbritanniens mit neun Prozent eher bescheiden. Der Abschied von Sellafield fällt den Briten jedoch auch deshalb leicht, weil die Atomfabrik seit ihrer Gründung in den 50er Jahren, damals zur Produktion von waffenfähigem Plutonium, immer Sicherheitsmängel hatte und selten aus den Schlagzeilen herauskam.

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