• Atomausstieg: Der tschechische Reaktor Temelin geht womöglich schon früher als geplant ans Netz

Politik : Atomausstieg: Der tschechische Reaktor Temelin geht womöglich schon früher als geplant ans Netz

Ludmila Rakusan

"Es handelt sich um keine Stellungnahme der Bundesregierung, sondern lediglich um die Haltung des grünen Spitzenpolitikers und Umweltministers Jürgen Trittin." So lautete die unmittelbare Reaktion des tschechischen Außenministeriums auf die am Dienstag in Berlin geäußerten Vorbehalte gegenüber dem Atomkraftwerk Temelin. Demnach gebe es für die tschechische Regierung keinen Grund, offiziell auf die Kritik aus Deutschland einzugehen. Die Vorsitzende der tschechischen Atomsicherheitsbehörde SUJB, Dana Drabova, hingegen zeigte sich überrascht: "Minister Trittin muss sich auf Unterlagen stützen, die dem SUJB nicht bekannt sind", sagte sie.

So neu dürfte dieses Material in Tschechien allerdings nicht sein. Die deutsche Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS), die im Auftrag des deutschen und des bayerischen Umweltministeriums ein Gutachten über das umstrittene südböhmische Atomkraftwerk Temelin erstellte, bezog ihre Informationen direkt vom SUJB. Von all den wichtigen Sicherheitsfragen, die untersucht worden sind, müssten nach dem vorläufigen Reaktorschutz-Bericht lediglich drei noch geklärt werden: Die Technik der Sicherheitsventile, die Bruchfestigkeit großer Leitungen und die für Notstromversorgung vorgesehene Batteriekapazität.

Diese Erörterung solle laut Jürgen Trittins Ministerium jedoch unbedingt stattfinden, bevor in Temelin mit der Kernspaltung begonnen wird. Nach Informationen aus Prag wollen darüber deutsche und tschechische Experten voraussichtlich am 5. September diskutieren.

Die Frage ist allerdings, ob sie dann nicht bereits vor fertigen Tatsachen stehen werden. Dana Drabova deutete unlängst in einem Gespräch mit der Weltatominformationsagentur (NUCNET) an, dass man den Brennstoff im ersten Temelin-Reaktor womöglich schon Ende August aktivieren werde. Der Temelin-Sprecher Milan Nebesar hingegen hält einen Termin Anfang oder Mitte September für wahrscheinlicher. Sicher ist mittlerweile nur eins: Die strahlende Zukunft wird am 23. September vom Temelin-Bauherr CEZ (Tschechische Elektrizitätswerke) mit einer aufwändigen Party auf dem südböhmischen Schloss Hluboka feierlich begrüßt. Der Zeitpunkt ist wohl kein Zufall: Ende September wird Prag mit dem Gipfel des Internationalen Währungsfonds beschäftigt sein.

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