Politik : Atomausstieg: Energiequellen auf hoher See

Ulrike Fokken

Sie sind hässlich, unbeliebt, machen viel Wind und damit Krach. Das sollen die Windkraftanlagen auch, denn sie wandeln die Umsonst-Energie des Windes in kostbaren Strom um.

Die Bundesregierung fördert diesen Strom sogar durch das Energieeinspeise-Gesetz. Aber die überdimensionierten Spargel mit dem mutmaßlichen Vogelzerhäcksler am Ende sind bei den Bewohnern um die Windparks und einzelner Windkraftanlagen unbeliebt. Außerdem ist der Platz in windreichen Regionen an der deutschen Küste begrenzt.

Strom aus Wind in großen Mengen kann daher in Zukunft nur noch auf dem Meer gewonnen werden. Dort leben keine Menschen, der Wind weht ständig, und Platz für die bis zu 100 Meter hohen Masten ist auch vorhanden. Ein "ökologischer Zielkonflikt bleibt dennoch bestehen", sagt Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne). Denn auch weit draußen auf dem Meer stören die Windkraftanlagen die Meeres- und Zugvögel, behindern die Fischer und stören den Seeverkehr. Grafik: Stromquellen Was aber unbestritten ist: Sie erzeugen den Strom aus regenerativen Energien, den das Land benötigt, wenn die Atomkraftwerke in einigen Jahren tatsächlich einmal abgeschaltet sind. 60 Prozent des heute noch durch Atomkraft erzeugten Stroms könnte bis zum Jahr 2030 durch Windkraft erzeugt werden, haben die Experten vom Deutschen Windenergie-Institut für das Umweltministerium ausgerechnet. Von den nötigen 42 000 Megawatt (MW) müssten 25 000 MW auf dem Meer erzeugt werden. Dafür brauchen sie eine Fläche von 2500 Quadratkilometern.

Die Beamten im Umweltministerium haben mit ihren Kollegen vom Umweltbundesamt und dem Bundesamt für Naturschutz ein Jahr lang alle Argumente für und wider den Strom aus den Offshore-Anlagen abgewogen. Immerhin konnten sie sich schließlich auf ein Positionspapier einigen, dass sogar die Artenschützer in den Häusern versöhnt.

Dabei haben die amtlichen Umweltschützer je zwei Regionen in der Nord- und der Ostsee untersucht. In der Nordsee halten sie ein Gebiet nordöstlich von Borkum und eines westlich von Sylt für geeignet. Beide Flächen liegen außerhalb von Meeres- oder Vogelschutzgebieten und hinter der 12-Seemeilen-Grenze.

In der schmaleren und flacheren Ostsee "konnte bislang keine vergleichbare Fläche identifiziert werden", heißt es in dem Positionspapier. Aber die Experten halten ein Gebiet in der Mecklenburger Bucht östlich von Fehmarn und ein weiteres zwischen Rügen und Bornholm für immerhin "untersuchungswürdig".

Der größte Teil der Gebiete liegt in der Allgemeinen Wirtschaftszone (AWZ), einem weitgehend von deutschem Recht unbehelligten Raum. Denn in der AWZ gilt zwar die Seeanlagenverordnung und das Wirtschaftsrecht, nicht aber das Bundesnaturschutzgesetz oder gar das Raumordnungsgesetz. Das Umweltministerium stellt dann auch unumwunden fest, dass "eine noch ungeklärte Rechtslage besteht". Das hält die Betreiber von Windenergieanlagen jedoch nicht davon ab, Anträge für Windparks auf dem Meer zu stellen; schließlich versprechen sie doch, die lukrativste Investition in alternative Energiegewinnung zu sein.

15 Anträge zur Genehmigung liegen bereits beim zuständigen Bundesamt für Seeschiffahrt und Hydrographie, das dem Verkehrsministerium unterstellt ist. Dort sieht man keine Konflikte mit dem Umweltministerium über die Off-Shore-Anlagen. Und auch die Naturschützer vom BUND sind auf der Seite von Trittin. "Wir sind grundsätzlich für Off-Shore-Windenergie", sagt Björn Schering vom BUND. Allerdings müsste Trittin schnell handeln und die Gesetzeslücken schließen. Etliche Antragsteller würden bewusst ihre Windparks in Vogelschutzgebieten planen, weil das Wasser dort flach ist.

Dann nämlich wird die Installation der Masten im Meeresgrund billiger. "Wir wollen diese Diskussionen, aber wir wollen sie versachlichen", sagt Trittin.

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