Atomausstieg : Norbert Röttgen - ein einsamer Sieger

"Die Gesellschaft möchte den Konsens", sagt Norbert Röttgen. Es ist seine Art, der CDU zu verstehen zu geben: Ich hatte recht. Doch ein Sieg ist der Atomausstieg für den Umweltminister trotzdem nicht

von
Wenden, ohne sich zu winden. Das ist in diesen Tagen die große Kunst des Norbert Röttgen, der als CDU-Minister schon im Herbst klüger war als seine Partei.
Wenden, ohne sich zu winden. Das ist in diesen Tagen die große Kunst des Norbert Röttgen, der als CDU-Minister schon im Herbst...Foto: dpa

Links von ihm erzählt der Alte von damals, rechts hört der Grüne aufmerksam zu. Nur der Hausherr in der Mitte lächelt versonnen zum Glasdach über dem frisch renovierten Innenhof hoch. Norbert Röttgen wirkt selbst auf offener Bühne schnell mal wie einer, dessen Gedanken über den schnöden Alltagsdingen abschweifen. An diesem Tag hätten sie allen Grund dazu. Er ist nämlich historisch, der Tag. Das Bundesumweltministerium ist 25 Jahre alt geworden, Klaus Töpfer ist zur Feier gekommen und Jürgen Trittin. Röttgen war noch Jura-Student in Bonn, als Töpfer 1987 verkündete: „Wir müssen eine Zukunft ohne Kernenergie erfinden.“ Als Trittin im Jahr 2000 den rot-grünen Atomkonsens unterschrieb, war Röttgen einfacher Abgeordneter. Vor ein paar Stunden hat er im Kabinett die Hand für den schwarz-gelben Atomausstieg gehoben.

Eigentlich ist er stolz wie Bolle. Er war immer dafür. Vor einem halben Jahr hat er verloren. Jetzt hat er gewonnen. Aber liegt es nur am langen Atem dieser Feierstunde, wenn man den Verdacht nicht loswird, dass es trotzdem kein Sieg war?

Donnerstag früh wartet der Umweltminister in der Regierungsbank im Reichstag darauf, dass er drankommt. Röttgen steht heute auf der Rednerliste der Bundestagsdebatte zum Atomausstieg unter „ferner liefen“. Das erste Wort zur Regierungserklärung hat die Kanzlerin, das zweite der Vizekanzler. Die Reihenfolge ist der historischen Bedeutung des Ereignisses geschuldet, hat aber auch mit den delikaten Verhältnissen in der Koalition speziell in der Atomfrage zu tun. Philipp Rösler, der neue FDP-Chef, hat da eine böse Niederlage eingesteckt; umso wichtiger, jetzt wenigstens das Protokoll der Hierarchie zu wahren. Viel nützt das Rösler übrigens nicht; mitten in seiner Rede tönt es von einer grünen Hinterbank: „Da war ja selbst der Westerwelle besser“, ein zweiter ruft flehend: „Guido!“, und man kann nicht genau erkennen, ob Westerwelle hinter seiner dauerhaft vorgehaltenen Hand nicht doch ganz fein lächelt.

Aber jetzt hat erst einmal Angela Merkel ihre Rede angefangen, und zwar an jenem 11. März, an dem in Japan die Erde bebte und das Meer tobte und ein Atomkraftwerk in ein Inferno verwandelt wurde. „Das Restrisiko der Kernenergie habe ich vor Fukushima für vertretbar gehalten“, sagt die CDU-Chefin. „Ich habe eine neue Bewertung vorgenommen.“

Claudia Roth schüttelt so energisch den Kopf, dass ihr giftgrüner Schal sachte mitschwingt. Neue Bewertung ist gut, heißt das Kopfschütteln – da waren wir vor drei Jahrzehnten schon! Trittin in der ersten Reihe der Fraktionsvorsitzenden verzieht ironisch die Mundwinkel. „Willkommen, gnädige Frau, im 21. Jahrhundert!“, wird er hinterher ätzen: „Sie waren die Dagegen-Partei!“

Trittin fallen bei Bedarf noch viel bösere Sticheleien ein, aber für diesmal überlässt er es dem SPD-Kollegen Frank-Walter Steinmeier, ein Feuerwerk abzubrennen. Dass jemand dazulerne, dröhnt Steinmeier, dagegen werde er nie etwas sagen – aber dass sich Merkel jetzt hier als Erfinderin der Energiewende aufführe, „das zieht einem doch die Schuhe aus!“. Ein „Irrtumsbereinigungsgesetz“ sei das, nicht mehr, die Rückkehr an den Punkt, an dem Rot-Grün vor zehn Jahren schon war. „Die Gesellschaft war immer schon weiter als Sie!“

Das ist nun zwar, was die Sozialdemokratie angeht, zeithistorisch nicht ganz richtig. Erhard Eppler hat gerade erst in einem Aufsatz nachgezeichnet, was für ein mühsames Geschäft es war, die Industrie- und Steinkohlepartei auf grüne Gedanken zu bringen. Aber trotzdem war die SPD schneller da, wo Schwarze und Gelbe jetzt hinwollen. Sie hat vor allem nicht deren Kurvenfahrt hinter sich, diese ganze unselige Geschichte der Laufzeitverlängerungen in Merkels „Herbst der Entscheidungen“. „Epochal“ habe Guido Westerwelle das damals genannt, erinnert Steinmeier: „So schnell können Epochen vorbeigehen!“ Dazu dieser Herr Röttgen: „weltweit unübertroffen“!

Röttgen hat diesmal die Arme verschränkt beim In-die-Höhe-Gucken. Was soll er sonst auch tun? Damals vor einem halben Jahr, das war seine Niederlage. Der eigene Fraktionschef Volker Kauder hat sie ihm beigebracht, der jeden Versuch hintertrieb, die viel beschworene „Brücke“ Atomkraft kurz zu halten. Der FDP-Wirtschaftsminister Rainer Brüderle hat ihn ins Leere laufen lassen. Und die eigene Kanzlerin hat keinen Finger gerührt zu seinen Gunsten in der symbolisch so bedeutsamen Laufzeitenfrage. Ein anderer, der seinerzeitige Kabinettsstar Karl-Theodor zu Guttenberg zum Beispiel, hätte vielleicht in dem Moment mit Rücktritt gedroht. Röttgen hat die Niederlage geschluckt und den Rest des Energiepakets als „Meilenstein“ gepriesen. Dass nur der Rest gemeint war, ist längst vergessen. Dass er heute wieder von „Meilenstein“ spricht, diesmal Atomausstieg inklusive, erfreut das Kabarett. Meilensteine können wehtun, wenn sie einem auf die Füße fallen.

Hätte er damals den Konflikt schon auf die Spitze treiben sollen? Aber das ist nicht seine Art; man könnte auch sagen: Es ist nicht die Art seiner Generation. Norbert Röttgen, 46 Jahre, geboren im rheinischen Regierungsbeamtendorf Meckenheim, kam in die Politik als ein Kind der Strickjackenzeit. Die Strickjacke umhüllte den massigen Leib des Helmut Kohl, der vom Rebellen aus der Pfalz längst zum Alleinherrscher geworden war, durch die Einheit historisch geadelt. Röttgen, 1994 ins Parlament eingezogen, litt wie viele seiner Altersgenossen unter den Diskussionsverboten, die den Unangreifbaren umgaben. Heimlich traf sich die Truppe mit jungen Grünen beim Italiener – die legendäre „Pizza-Connection“. Immer mal wieder formulierten sie renitente Positionen – für eine Reform des Staatsbürgerrechts, für Tibet, für den Klimaschutz. Kohl fand das gesittete Aufbegehren der „Jungen Wilden“ ganz amüsant und bunte Tupfer im christdemokratischen Schwarz nützlich. Die Jungen entwickelten früh den gelinden Masochismus des Realpolitikers im Umgang mit Niederlagen. In der Breite der Partei galt die Generation Röttgen als Außenseitertruppe. Fast logisch, dass sie nach Kohls Ende zum engsten Kreis der Seiteneinsteigerin Merkel wurden.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum Röttgen ein Außenseiter bleibt

Seite 1 von 2
  • Norbert Röttgen - ein einsamer Sieger
  • Seite
Artikel auf einer Seite lesen
» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

5 Kommentare

Neuester Kommentar