• Atomausstieg: Temelin: Das umstrittene Kraftwerk in Böhmen ist in Betrieb gegangen - 100 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt

Politik : Atomausstieg: Temelin: Das umstrittene Kraftwerk in Böhmen ist in Betrieb gegangen - 100 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt

Ulrich Glauber

Das Atomkraftwerk Temelin - 50 Kilometer von der österreichischen und 100 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt - ist am Dienstag angefahren worden. Für den tschechischen Präsidenten Vaclav Havel kein Grund zur Freude. "Dass ich nicht von Beginn gegen das Atomkraftwerk aufgetreten bin, war mein schwerster Fehler seit dem Amtsantritt", bereute er im staatlichen Rundfunk sein Schweigen zum Aufbau auf sozialistischem Erbe. In bester materialistischer Gigantomanie waren in der idyllischen Hügellandschaft Südböhmens 1983 sieben Dörfer in einer "Sicherheitszone" drei Kilometer rund um die geplante Baustelle plattgemacht worden. Im Jahr 1987 wurde mit dem Fundament für den Industrie-Dinosaurier begonnen. Nach der Wende wurde 1993 lediglich beschlossen, statt vier Meilern nur noch zwei Druckwasser-Reaktoren in Angriff zu nehmen - nachgerüstet vom US-Konzern Westinghouse.

Temelin-Betreiber Ceske Energeticke Zavody (CEZ) musste für seine Risikobereitschaft, die Pferde mitten im Strom zu wechseln, tief und tiefer in die Tasche greifen. Immer neue Kostenvoranschläge schraubten die Investitionen für den ersten der beiden Meiler von Temelin, der nach dem Probebetrieb in zwei bis drei Monaten voll ans Netz gehen soll, auf atemberaubende sechs Milliarden Mark. Nahezu die gleiche Summe wird sich die staatliche CEZ laut tschechischen Zeitungsberichten die Entsorgung, Abbruch-Rücklagen und die Modernisierung ihres bisher einzigen AKW Dukovany kosten lassen. Dabei ist der Verbleib der verbrauchten Brennstäbe ungeklärt. In Dukovany unweit von Brno (Brünn) werden die abgebrannten Stäbe auf dem AKW-Gelände gelagert. "Wir haben den Leuten in der Umgebung versprochen, keine Brennstäbe von außerhalb zu übernehmen", wehrt sich Dukovany-Sprecher Petr Spilka dagegen, auch noch den Atomschrott aus Temelin zu lagern.

Wer braucht den Strom aus Temelin?

Wie über den künftigen Umgang mit dem strahlenden Müll darf auch darüber gerätselt werden, was mit dem Strom aus Temelin eigentlich geschehen soll. Fest steht, dass der Strombedarf in der Tschechischen Republik ständig gesunken ist. Den niedrigeren Verbrauch der Industrie kompensierte der Staat laut einer Studie des oberösterreichischen Anti-Atombeauftragten Radko Pawkovic bisher mit Billigpreisen für Elektroheizungen. Wenn der Temelin-Strom in Tschechien nicht benötigt werde, also für den Export vorgesehen sei, werde so die Ausfuhr praktisch subventioniert, argumentiert Pawkovic.

"Unsere Industrie wird mit zunehmendem Wachstum wieder mehr Strom brauchen. Außerdem ist die Temelin-Produktion laut CEZ-Berechnung international konkurrenzfähig", hält die stellvertretende Industrieministerin Milada Vlasakova in Prag dagegen. Gerade dies wird angesichts des Milliardenaufwands für das südböhmische Kraftwerk von Insidern bezweifelt. Dennoch soll in Temelin in den nächsten Monaten noch ein zweiter Reaktor fertiggestellt werden.

Die tschechische Nuklear-Schwejkiade bekommt noch eine besondere Pointe durch die Nachricht, die deutschen Stromriesen E.On und REW wollten jeweils ein AKW wegen des Preisverfalls auf dem europäischen Markt früher als zum Ablauf der Genehmigungsfrist vom Netz nehmen. Trotz aller Fragwürdigkeiten behandeln die etablierten Politiker Tschechiens die Kritiker, vor allem in Österreich, mit dem Trotz von Kindern, denen man ihr Lieblingsspielzeug wegnehmen will.

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