Atomdebatte : "Der pure Leichtsinn“

Der grüne Ex-Umweltminister Jürgen Trittin spricht mit dem Tagesspiegel über die Hintergründe der neuen Atomdebatte, längere Laufzeiten und aufgemotzte Trabis.

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Jürgen Trittin, Vizefraktionschef der Grünen im Bundestag. -Foto: ddp

Herr Trittin, ist die neue Debatte um Atomkraft eine reale Gefahr für das Land oder ein Geschenk für die Grünen?

Ich sehe keine neue Debatte, sondern nur alte Argumente. Zu beobachten ist der dreiste Versuch der marktbeherrschenden Atomkraftwerksbetreiber, von den hohen Energiepreisen noch länger zu profitieren, die sie selbst in die Höhe getrieben haben. Für die Grünen heißt das: Wir haben ein spannendes Thema, mit dem wir unsere Wähler erreichen. Wir freuen uns auf die Auseinandersetzung.

Es gibt neue Argumente: steigende Zustimmungswerte zur Kernenergie und steigende Energiekosten.

Die steigenden Energiekosten haben mit den Atomkraftwerken nichts zu tun. Die Energieunternehmen produzieren heute für zweieinhalb Cent Strom in einer abgeschriebenen Altanlage. Vor ein paar Jahren konnten sie das für fünf oder sechs Cent verkaufen und hatten 100 Prozent Gewinn. Heute können sie zeitweilig für zehn Cent verkaufen, das bringt 300 Prozent Gewinn. Mit einer massiven Kampagne wollen RWE, Eon und andere die Voraussetzung dafür schaffen, diese Monopolprofite möglichst lange zu realisieren.

Auch wenn es in Ihren Augen keine neuen Argumente gibt: Es gibt eine neue politische Debatte.

Die Union war schon immer für Atomkraftwerke, aber nur, wenn der Atommüll nicht vor ihrer Haustür gelagert wird. Die Union lässt sich willig von den vier großen marktbeherrschenden Energieversorgern instrumentalisieren, und die FDP kräht hinterher. Wir erleben ein Ablenkungsmanöver. Modernste Atomkraftwerke könnte man länger laufen lassen, das sieht selbst der Atomkompromiss vor. Man muss nur Laufzeiten von alten Meilern auf neuere übertragen. In Wirklichkeit geht es darum, die Laufzeit der drei ältesten Kernkraftwerke zu verlängern. Das sind die Kraftwerke mit den häufigsten Störfällen – rund 400 pro Anlage –, sie bieten keinen Schutz vor Flugzeugabstürzen und ihre Kühlung war im Notfall nicht gesichert.

CSU-Chef Erwin Huber schlägt Laufzeiten von bis zu 60 Jahren vor.

Der pure Leichtsinn. Weltweit liegt die durchschnittliche Lebensdauer von Kernkraftwerken bei knapp 30 Jahren. Je älter ein Akw wird, umso mehr Störfälle treten auf. Wenn Huber einen neuen Dienstwagen braucht, sagt er ja auch nicht: Ich kaufe mir keinen neuen BMW, sondern motze einen alten Trabi für Hochgeschwindigkeitsfahrten auf. 60 Jahre hieße übrigens die Menge des hochaktiven Mülls von 4600 auf 9000 Tonnen zu verdoppeln – obwohl man kein Endlager hat.

Immerhin gibt es nun Vorschläge, die hohen Gewinne aus der Kernenergie wegen der hohen Energiepreise entweder an die Verbraucher weiterzugeben oder aber in erneuerbare Energien zu investieren.

Über Investitionslenkung oder Verstaatlichung? Das ist doch lächerlich. Eon, RWE und Co. haben heute 80 Prozent Marktanteil. Sie leisten nicht einmal die Hälfte der Investitionen in Neuanlagen. Die Masse der Investitionen in moderne, effiziente erneuerbare Energien tätigen die 20 Prozent, die in einem verzweifelten Wettbewerb zu den vier Monopolisten stehen. Wenn ich den Monopolisten helfe, schade ich den Innovativen. Ich hätte höhere Strompreise und weniger Investitionen.

Auch der Klimaschutz ist ein zentrales Ziel der Grünen. Können Kernkraftwerke nicht helfen, den Ausstoß des Klimaschädlings Kohlendioxid zu vermeiden?

Es ist ein Märchen, dass Atomkraftwerke CO2-frei sind. Ihr Bau setzt ebenso Kohlendioxid frei wie der Abbau von Uran. Windkraft produziert im Vergleich zu Kernenergie nur ein Fünftel der CO2-Belastung. Wer über Klima redet, muss auch die Wärme mitberücksichtigen. Da kommt ein Gaskraftwerk mit Kraft- Wärme-Kopplung auf eine günstigere CO2-Bilanz pro Kilowattstunde als ein Atomkraftwerk.

Gibt es niemanden in Ihrer angeblich so diskussionsfreudigen Partei, der über längere Laufzeiten debattieren will?

Ich kenne vor allem Grüne, die über kürzere Laufzeiten diskutieren wollen. Wir haben im Atomkompromiss beachtliche Vorleistungen und Zugeständnisse gemacht.

Die Fragen stellte Hans Monath.

Jürgen Trittin (54) ist Vizefraktionschef der Grünen im Bundestag. Im Herbst soll ein Parteitag ihn und Renate Künast zu Spitzenkandidaten ihrer Partei für die Bundestagswahl 2009 küren.

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