Atomendlager : Zum Kern von Asse

Eine Grubenfahrt in Asse verdeutlicht die enormen Probleme im maroden Atomendlager.

Reimar Paul[Remmlingen]
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»Versturztechnik«. So wurden Atommüllfässer in den 70er Jahren eingelagert. -Foto: ddp

Kalte Luft zieht durch den Schacht, als der alte Förderkorb mit zehn Metern pro Sekunde in die Tiefe rauscht. Irgendwo schrillt eine Glocke, das wacklige Gefährt bremst ab, dann öffnet sich die schwere Gittertür, und die Besucher stolpern in eine unterirdische Halle. Wuchtige Wände aus Salzgestein schimmern im Neonlicht. Ein gewaltiges Gebläse saugt gurgelnd Luft an. Hinter einem Glasfenster kauert als Skulptur die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute. Es ist 31 Grad warm 490 Meter unter der Erde im Bergwerk Asse.

An diesem Donnerstag wollen tausende gegen die Atomendlager Asse bei Wolfenbüttel und Schacht Konrad in Salzgitter, wo von 2013 an schwach- und mittelradioaktive Abfälle eingelagert werden sollen, mit einer 52 Kilometer langen Lichterkette demonstrieren.

Seit das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) die Regie im maroden Atommülllager Asse übernommen hat, müssen Beschäftigte wie Besucher neben Helm, Grubenlicht und Rettungsausrüstung Dosimeter tragen – chipkartenkleine Geräte, die die persönliche Strahlenaufnahme messen und aufzeichnen. „Die Asse“, sagt BfS-Sprecher Florian Emrich, „ist jetzt ein atomares Endlager.“

Annette Parlitz lenkt das Grubenfahrzeug durch das Labyrinth, die 36-Jährige leitet die Öffentlichkeitsarbeit im Bergwerk. Erster Stopp ist über der Kammer 8a, in der die knapp 1300 Fässer mit mittelradioaktiven Abfällen liegen. Ein Kran hatte die vor allem mit Strahlenmüll aus den Kernforschungszentren Jülich und Karlsruhe gefüllten 200-Liter-Tonnen in dem Hohlraum versenkt. Rund zehn Jahre lang wurde ihr Zustand mit Videokameras und über ein Bleiglasfenster überwacht, dann versiegelten Bergleute den Zugang. Ob die Fässer noch heil sind, kann Emrich nicht sagen. „Derzeit weiß niemand, wie es da drinnen aussieht.“

Das Grubenfahrzeug kurvt weiter in die Tiefe, der feine Salzstaub dringt in Augen und Ohren. 532 Meter. Neben der Strecke, halb zugedeckt vom Staub, steht ein riesiges Blasrohr. „So wurde bis 2004 Salzgrus in die Kammern gepustet“, berichtet Parlitz. Doch längst ist die feinkörnige Salzfüllung zusammengesackt, an den Decken sind große Spalten entstanden. Das BfS prüft, ob die Spalten und Hohlräume zur Stabilisierung mit Salzbeton gefüllt werden können. Eine große, mit Planen abgedeckte Wanne, leises Plätschern: Auf der 658-Meter-Sohle werden salzhaltige Lösungen aufgefangen, die seit Jahrzehnten aus dem umgebenden Gebirge in die Asse dringen. Rund zwölfeinhalb Kubikmeter sind es jeden Tag. Bereits 1906 war es im benachbarten Schacht Asse I zu einem Wassereinbruch gekommen, in dessen Folge die Grube vollief und aufgegeben werden musste. Obwohl später noch ein weiterer Schacht absoff, ging Asse II 1967 als „Versuchsendlager“ in Betrieb.

Die – in Abgrenzung zu den radioaktiv kontaminierten Laugen – sogenannten Zutrittswässer gelangen über Schläuche zunächst in einen Tank und über mehrere Zwischenstationen schließlich nach oben. Durch möglichst kurze Lagerung im Bergwerk und Zufuhr von Frischluft hält das BfS die Belastung so gering wie möglich. Nach monatelanger Unterbrechung transportieren Lastwagen die Lösungen seit Anfang Februar wieder vom Betriebsgelände ab und kippen sie in einen stillgelegten Kalischacht bei Celle.

Der Weg zu Kammer sieben auf der 725-Meter-Sohle ist mit einem Tor und Warnschildern versperrt. In diesen Hohlraum wurden 8500 Atommüllfässer eingelagert – per „Versturztechnik“, wie der frühere Betreiber sagte. Ein „geschönter“ Begriff, urteilt Parlitz. Radlader hatten die Behälter einfach über Abhänge in tiefer liegende Bereiche gekippt. Etliche Fässer sollen zerbeult oder geplatzt sein. Die meisten Abfälle liegen in 750 Meter Tiefe vergraben. Mit dem Laugensumpf vor Kammer 12 und der einsturzgefährdeten Kammer vier befinden sich dort viele „neuralgische Punkte“. Das BfS verstärkt mit einer Mauer den Zugang zu Kammer vier. Aus „Arbeits- und Strahlenschutzgründen“ ist der Bereich für Besucher derzeit nicht zugänglich. „Man hätte hier keine radioaktiven Abfälle einlagern dürfen“, bilanziert BfS-Sprecher Emrich, während der Förderkorb wieder nach oben rauscht.

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