Politik : Atomenergie: Restrisiko Nationalismus (Kommentar)

Alexander Loesch

Mit dem Restrisiko bei der "friedlichen Nutzung" der Atomenergie ist es wie mit dem Kollateralschaden bei der "modernen" Kriegsführung. Beide Begriffe vernebeln den realen Tatbestand. Um so dankbarer greifen die Politiker auf diese Unworte zurück, weil sie dadurch die klare Benennung der Folge umgehen können: die Opfer. Tschernobyl und Kosovo haben die Öffentlichkeit aufgerüttelt und machen das Leben den Verantwortlichen schwerer.

Doch nicht immer. In Tschechien hält die Mehrheit die Atomenergie immer noch für "sauber", die Politiker und die Atom-Lobby konnten daher den Streit um das neue Atomkraftwerk Temelin auf Nebenschauplätze lenken - die Verteidigung staatlicher Souveränität und den nationalen Stolz.

Den Ball zugespielt haben ihnen die Atomkraftwerk-freien Österreicher, die gegen Temelin protestieren. Parlamentspräsident Klaus nennt den öffentlichen Druck aus Österreich und die jüngste Drohung von Bundeskanzler Schüssel, das Ja Wiens zu der EU-Aufnahme Prags mit der Sicherheit Temelins zu verknüpfen, eine "skandalöse Einmischung". Des Volkes Stimme verhöhnt die österreichischen Ängste als hysterisch. Der kleine Haufen tschechischer Umweltschützer wird verspottet und fast als Handlanger ausländischer Interessen stigmatisiert.

Der Protest aus Österreich erscheint verständlich, die angedrohte Hemmschwelle auf dem Weg Tschechiens in die EU nur recht und billig. Doch wird da nicht mit zweierlei Elle gemessen? Man stelle sich nur vor, Deutschland würde Strafmaßnahmen gegen die auf Atomstrom eingeschworenen Franzosen verlangen - undenkbar. Bei aller berechtigten Kritik an der Atompolitik in Frankreich und anderswo ist der Fall von Temelin aber latent gefährlicher.

Dort werden hinter einer Nebelwand aus nationaler Entrüstung gegenüber Wien ernsthafte Probleme offensichtlich versteckt. Die Sicherheit des Atommeilers sowjetischen Bautyps bei Budweis sei durch die nach der Wende zusätzlich angebrachte US-Technik gegeben, behaupten die Verantwortlichen. Geschummelt, um den Termin zum Anfahren im September aus Prestigegründen auf Biegen und Brechen durchzudrücken, hält Greenpeace mit einer eigenen Studie dagegen. Die offiziellen Angaben zu den Sicherheitstest seien frisiert, Konstruktionsprobleme als Folge der Vermählung sowjetischer und US-Technologie unter den Teppich gekehrt. Gegen die strahlende Zukunft des zweiten, seit Jahrzehnten laufenden AKW Dukovany in Mähren - auch sowjetischer Bauart und nicht nachgerüstet - protestiert indes keiner.

Nur mit einem Argument konnten die Umweltschützer bei Tschechiens Bürgern bislang Punkte sammeln: Dass schon jetzt - auch ohne Temelin - das Land zu viel Energie produziert und der ohnehin gebeutelte Steuerzahler die Billigexporte subventioniert. Da die Hauptabnehmer Deutschland und Österreich sind, gäbe es hier eine Möglichkeit, Temelin auszubremsen. Seit der Liberalisierung des Strommarkts ist die Politik aber leider zahnlos. Was bliebe, wäre eine Aufklärungskampagne und der Druck der hiesigen Öffentlichkeit - der sonst das strahlende Restrisiko droht.

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