Atomgespräche : An einem Tisch

Erstmals seit Bestehen der Islamischen Republik trafen sich iranische und israelische Diplomaten im Rahmen von Atomgesprächen. Beobachter sporechen von scharfer Polemik und gegenseitigen Beschuldigungen.

Martin Gehlen[Kairo]
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Ort der Begegnung: In diesem Hotel in Kairo fand Ende September ein Treffen der Internationalen Kommission für Nichtverbreitung...AFP

Die australischen Gastgeber sprachen von einem „sehr robusten Wortwechsel“. Ein ägyptischer Konferenzteilnehmer erinnerte sich an „scharfe Polemik und gegenseitige Beschuldigungen“. Die Schilderungen über die teilweise erregten Wortwechsel zwischen Meirav Zafary-Odiz von der israelischen Atomenergiebehörde und dem iranischen Botschafter bei der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) in Wien, Ali Ashgar Soltanieh, stimmen zwar nicht in allen Details überein. Fest steht allerdings, dass kürzlich auf einer internationalen Konferenz im Four Seasons Hotel im Kairoer Stadtteil Garden City zum ersten Mal seit dem Sturz des Schahs israelische und iranische Diplomaten an einem Tisch saßen.

Anlass war ein Regionaltreffen der Internationalen Kommission für atomare Nichtverbreitung und Abrüstung (ICNND), das unter japanischer und australischer Schirmherrschaft stand. An ihm nahmen auch Repräsentanten der Arabischen Liga, Jordaniens, Ägyptens und der Türkei teil sowie europäische und amerikanische Vertreter. „Wir hatten Gespräche am Runden Tisch“, bestätigte der ägyptische Augenzeuge der AFP. „Soltanieh erklärte, die Iraner hätten keine Atombombe und wollten diese auch nicht. Die Israelis erwiderten, das sei nicht wahr.“ Die israelische Zeitung „Haaretz“ steuerte weitere Einzelheiten bei. Danach sind sich die Vertreter der beiden verfeindeten Staaten mehrfach im Konferenzraum begegnet – allerdings stets umringt von anderen Gästen. In den drei Panels habe man diskutiert, wie der Nahe Osten zu einer atomwaffenfreien Zone erklärt und die Verbreitung von Atomwaffen verhindert werden könnten. Nach Darstellung von „Haaretz“ habe Soltanieh an einem Punkt der Gespräche Zafary-Odiz mit bebender Stimme direkt gefragt: „Haben Sie nun Atomwaffen oder nicht?“ In Einklang mit der israelischen Politik der Zweideutigkeit habe sie jedoch nicht geantwortet, sondern nur gelächelt. Soltanieh habe seinerseits versichert, Teheran hasse nicht die Juden, sondern wehre sich gegen den Zionismus. Irans wachsendes Raketenarsenal habe defensiven Charakter. Zafary-Odiz erläuterte die israelische Linie, wonach ihre Regierung im Rahmen einer umfassenden regionalen Friedensregelung grundsätzlich zu einem Dialog über eine nukleare Abrüstung im Nahen Ostens bereit wäre. Israel lebe jedoch in einer komplexen geopolitischen Umgebung und müsse auf seine Sicherheit bedacht sein.

Am Donnerstag nun reagierte Teheran auf den Konferenzbericht aus Kairo mit einem rüden Dementi und sprach von einer „glatten Lüge“. Jede Unterstellung, es habe ein solches Treffen mit Vertretern Israels gegeben, sei absurd, erklärte der Sprecher der iranischen Atombehörde. Israel gilt im Iran offiziell neben den USA als Staatsfeind Nummer eins. Aus diesem Grund tut sich das Regime schwer, diplomatische Initiativen wie in Kairo gegenüber den ideologischen Hardlinern daheim zu rechtfertigen. 2005 hatte Mahmud Ahmadinedschad erklärt, „das Regime, das Jerusalem besetzt hält, muss aus den Annalen der Geschichte getilgt werden“. Auch leugnet der umstrittene Präsident den Holocaust.

Derweil berichtete die französische Zeitung „Le Canard Enchainé“, Israel bereite seine Streitkräfte darauf vor, falls die Wiener Atomverhandlungen scheitern sollten, Ende des Jahres die unterirdischen iranischen Anlagen anzugreifen. Reservisten von Spezialeinheiten seien für November zurück nach Israel beordert worden.

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