Atomkatastrophe in Fukushima : Hilfe vom Ex-Feind

Japans Atomtechniker suchen nach Lösungen für den Umgang mit Fukushima – in der US-Atomanlage, aus der das Plutonium für die Bombe von Nagasaki kam.

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Stillgelegt: Im Reaktor B in Hanford wurde Plutonium produziert.
Stillgelegt: Im Reaktor B in Hanford wurde Plutonium produziert.Foto: Getty Images

Es gilt als einer der am stärksten verstrahlten Orte der Welt. Im Rahmen des Manhattan-Projekts, mit dem die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg die Atombombe bauten, wurde das gut 1500 Quadratmeter große Areal Hanford, 300 Kilometer südöstlich von Seattle, ab 1943 errichtet. Es diente vor allem dazu, Plutonium zu produzieren und erwies sich bald als extrem effektiver Forschungsstandort. Am 16. Juli 1945 testeten die USA mit Zündstoff aus Hanford die erste Atomwaffe. Aus Hanford kam auch das Plutonium für die Atombombe „Fat Boy“, die einen knappen Monat später, am 9. August, über dem japanischen Nagasaki abgeworfen wurde. Zehntausende starben sofort, viel mehr waren schädlicher Strahlung ausgesetzt. Wie kurz zuvor Hiroshima war Nagasaki auf einen Schlag in Schutt und Asche zerbombt. Eine knappe Woche später kapitulierte der asiatische Verbündete Deutschlands. Der Krieg war zu Ende.

Heute sucht Japan ausgerechnet Hilfe in jenem Ort, aus dem das Plutonium für die Bombe von Nagasaki kam. Denn seit dem Reaktorunfall im nordostjapanischen Fukushima vor zweieinhalb Jahren folgt eine Katastrophenmeldung der nächsten. Zuletzt traten rund 300 Tonnen radioaktiv verseuchtes Wasser aus den Auffangtanks. Ähnliche Mengen gelangen sogar täglich in den Pazifischen Ozean, wie seit Anfang August bekannt ist. Zuletzt wurde auch bestätigt, dass sich das Vorkommen von Krebsfällen in Fukushima erhöht hat. Und die Regierung kündigte an, ins bisher glücklose Katastrophenmanagement einzusteigen.

Nun sucht Japan auch Hilfe von außen. Der Kraftwerkbetreiber Tepco hat seine Ingenieure in die einstige US-amerikanische Plutoniumfabrik Hanford geschickt, um Lösungen für den Umgang mit den eigenen havarierten Reaktoren zu finden. In Hanford hat man bereits versprochen, mit den japanischen Kollegen kooperieren zu wollen. „Wir können viel von den USA lernen“, sagte Masumi Ishikawa, der für das Abfallmanagement von Tepco zuständig ist. „Durch ihre militärischen Aktivitäten haben die USA reichlich Erfahrung mit Nukleartechnologie, sowohl mit Dekontaminierungsarbeiten als auch dem Umgang mit kontaminierten Flüssen.“

Nicht zuletzt aufgrund seiner eigenen atomaren Verseuchung gilt Hanford als besonders erfahren. Zwischen 1944 und 1988 wurden hier neun Atomreaktoren unterhalten. Unter anderem verfügt Hanford über eine Methode, alte Reaktoren möglichst sicher dauerhaft stillzulegen. Dabei wird ein Reaktor bis auf die Betonwände um den Reaktorkern auseinandergebaut, der dann durch eine zusätzliche Betonschicht von allen Seiten hermetisch abgeschottet werden soll.

Die Ingenieure von Tepco wollen mit Experten von Hanford erörtern, ob diese Methode auch für Fukushima möglich ist. Alternativ könnten die Reaktoren sofort vollständig auseinandergebaut oder in ihrer Gänze durch Betonwände abgeriegelt werden. Schätzungen zufolge könnte die Methode aus Hanford die Kosten um rund 80 Milliarden Euro verringern und die Frage der Endlagerung des Atommülls um 75 Jahre hinauszögern. Eine möglichst günstige und schnelle Handhabe der Reaktoren ist auch deshalb wichtig, weil nach wie vor rund 160 000 Menschen in der Präfektur Fukushima nicht in ihre Heimat zurückkehren können.

Dass sich Japan in diesen Fragen aber gerade an Hanford wenden muss, verletzt den Stolz des Landes. Die öffentliche Meinung über den Zweiten Weltkrieg ist in Japan stark von der Grausamkeit der US-amerikanischen Atombombenabwürfe geprägt. Der Kriegskaiser Hirohito betonte nach der Niederlage auch, Japan sei nicht bloß von den USA besiegt worden, sondern von der Wissenschaft. Nach dem Krieg investierte das Land daher selbst enorme Anstrengungen in die eigene Nuklearforschung. Das Atom wurde zu einem Symbol für technologischen Fortschritt. Heute kommen viele der größten Unternehmen der Nuklearindustrie aus Japan. Und dennoch kann das Land nicht mit seinem Müll umgehen.

Ein Trost für die stolze Nation ist, dass auch Hanford noch mit seinen Reaktoren zu kämpfen hat. Vor wenigen Jahren wurde das Zieldatum der dortigen Dekontaminierung erneut nach hinten verlegt, auf das Jahr 2052, also 108 Jahre nach der Eröffnung. So werden Tepcos Ingenieure in Hanford schlimmstenfalls lernen, wie man es lieber nicht macht. Nur wäre das ein schwacher Trost. Felix Lill

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