Atomkraft : Bis zum letzten Meiler

Umweltminister Gabriel will die alten Atomkraftwerke in Deutschland früher abschalten. Wie gefährlich sind diese Reaktoren?

Fabian Leber
Biblis
Biblis: Deutschlands ältester Meiler. -Foto: dpa

Seit vergangenem Herbst stehen die beiden Blöcke des Atomkraftwerks im hessischen Biblis still. 15 000 Dübel waren bei einer Nachrüstung falsch eingesetzt worden und müssen jetzt ausgetauscht werden. Im Laufe des dritten Quartals will Kraftwerksbetreiber RWE die beiden Reaktoren wieder anfahren lassen. Dann wäre der zurzeit älteste Meiler in Deutschland fast ein Jahr vom Netz gewesen.

RWE gehen durch die Zwangsabschaltung schätzungsweise eine Million Euro pro Tag an Einnahmen verloren. Doch auf längere Sicht könnte der Konzern von der Montage-Panne sogar profitieren: Nach den Regeln des Atomkonsenses sollte Biblis A Anfang 2009 abgeschaltet werden. Weil jetzt aber monatelang kein Strom produziert wird, verschiebt sich die Stilllegung bis auf die Zeit nach der nächsten Bundestagswahl im Herbst 2009. Dann könnte es eine atomfreundlichere Bundesregierung geben, die für längere Laufzeiten sorgt, so das Kalkül der Konzerne.

Bisher haben die Stromversorger kaum etwas unversucht gelassen, um ihre Kraftwerke am Netz zu halten. RWE wollte zum Beispiel Strommengen von dem schon nach 100 Tagen stillgelegten Kraftwerk Mülheim-Kärlich auf Biblis A übertragen lassen. Das Bundesumweltministerium lehnte das im März ab – und begründete dies mit Sicherheitsbedenken.

Tatsächlich gelten ältere Reaktoren im Vergleich zu neueren Kernkraftwerken als störanfälliger. Nach Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz entfiel mehr als die Hälfte der „meldepflichtigen Ereignisse“ in den vergangenen Jahren auf Anlagen, die noch in den 70er Jahren gebaut wurden. Allein das 1976 gebaute Atomkraftwerk Brunsbüttel meldete in den vergangenen zehn Jahren mit 113 Störfällen fast sechs Mal so viele Pannen wie der 1988 eröffnete Meiler Isar II in Bayern. Und obwohl diese Störanfälligkeit auch den Betreibern bekannt ist, werden offenbar viele Fehler nur zufällig entdeckt.

Die Reaktorsicherheitskommission schrieb vor zwei Jahren in einem 55-seitigen Bericht an das Bundesumweltministerium, dass es in vielen Kraftwerken „kein wirkungsvolles Alterungsmanagement“gebe. In einigen Reaktoren würden Verschleißerscheinungen „nicht systematisch erfasst“, sondern es werde „ereignisorientiert“ vorgegangen. Im Klartext heißt das: Häufig fallen Altersschäden dem Personal erst auf, wenn es zu einem Leck oder einem Rohrbruch kommt.

Die Physikerin Oda Becker hat für Greenpeace die Sicherheitsstandards in den vier ältesten deutschen Kraftwerken untersucht. Ihr Fazit: Spätestens nach 20 Jahren zeigen sich ernsthafte Alterserscheinungen. Zum Beispiel hinterlässt ständiger Neutronenbeschuss deutliche Spuren am Reaktordruckbehälter. Noch fehlen Erfahrungen, was mit dem Stahlmantel passiert, wenn ein Kraftwerk – wie jetzt zum Beispiel in der Schweiz geplant – 50 oder 60 Jahre in Betrieb ist. Im Extremfall, befürchtet Becker, könnte der Druckbehälter bei ständiger Belastung bersten. Ein solcher Unfall wäre dann nicht mehr beherrschbar.

Manche Betreiber lassen Alterungsschäden inzwischen am Computer berechnen. Dass der EnBW-Konzern deshalb im Atomkraftwerk Neckarwestheim auf Materialproben in unmittelbarer Nähe des Reaktorkerns ganz verzichtet, sehen Experten aber kritisch. Bei EnBW heißt es dazu, es lägen mittlerweile genügend Daten vor, um eine Materialermüdung vorhersagen zu können.

Die ältesten deutschen Reaktoren wurden in den 70er Jahren errichtet – einige damals am Bau beteiligte Firmen wie AEG oder die Siemens-Tochter Kraftwerk Union existieren nicht mehr. „Teilweise werden für technische Komponenten älterer Reaktoren nicht mehr die erforderlichen Ersatzteile hergestellt. Bei leittechnischen Komponenten bedient man sich deshalb vor allem bei stillgelegten Kraftwerken“, sagt Klaus-Dieter Bandholz, der Vorsitzende der Reaktorsicherheitskommission. Bei älteren Kraftwerken sei deshalb ein hoher Aufwand erforderlich, um die Anlagen auf den Stand der heutigen Sicherheitstechnik zu bringen.

Teilweise ist das auch gar nicht möglich. In Brunsbüttel zum Beispiel seien die Brandschutzsysteme anders als bei neueren Anlagen räumlich nicht getrennt, sagt Becker. Stattdessen seien nur zusätzliche Brandmelder installiert worden. „Durch Nachrüstungen wird vieles nicht gerade besser“, meint die Physikerin. Viele der neu eingebauten Komponenten müssten von Hand gesteuert werden – eine zusätzliche Fehlerquelle.

Und selbst der jetzt in der Kritik stehende Vattenfall-Konzern räumt ein, dass auch in seinen Kraftwerken Alterungsschäden zum Problem werden können. Nach dem bis heute noch nicht ganz geklärten Trafobrand in Krümmel befragt, sagte der inzwischen abberufene Geschäftsführer Bruno Thomauske: „Auch Trafos altern.“

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