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Atomkraft : „Viele haben ein Interesse daran, Atomkraft weiter zu nutzen“

Der Politologe Scott Valentine über Japans Umgang mit Fukushima, Deutschlands späten Ausstieg und Irans Ambitionen.

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Vor wenigen Tagen hat Industrieminister Tshimitsu Motegi (roter Helm) die havarierten Atomanlagen in Fukushima besucht. Er ließ sich von Mitarbeitern der Betreiberfirma Tepco erklären, warum seit Monaten radioaktiv verseuchtes Wasser in den Pazifik gelangt. Tepco hat das Foto selbst herausgegeben.
Vor wenigen Tagen hat Industrieminister Tshimitsu Motegi (roter Helm) die havarierten Atomanlagen in Fukushima besucht. Er ließ...Foto: AFP

Der Politologe Scott Valentine hat ein Modell entwickelt, mit dem sich voraussagen lässt, ob Länder auf Atomkraft setzen werden oder nicht. Im Gespräch mit dem Tagesspiegel erklärt er, warum die Entwicklung in Deutschland und Japan ihn nicht überrascht habe – und warum internationaler Druck, wie im Fall Irans, nichts bringt.

Herr Valentine, in Ihrem Buch „The National Politics of Nuclear Powers“ sollen sechs Faktoren erklären, welche Länder die Atomkraft nutzen oder bald nutzen werden. Worauf kommt es an?
Wir haben uns vor allem die Eigenschaften von Ländern angesehen, die schon in die Nuklearenergie investiert haben. Erstens gibt es in diesen Ländern ein hohes öffentliches Engagement in der wirtschaftlichen Entwicklung. Zudem bringen die Eliten technologischen Fortschritt bewusst mit ökonomischer Belebung in Verbindung. Die energiepolitischen Prozesse sind überhaupt stark zentralisiert. Zudem haben Technokraten hohen Einfluss auf Entscheidungen und aktuelle Herausforderungen werden tendenziell politischer Autorität untergeordnet. Und zuletzt: In Ländern mit Atomkraft ist die Zivilgesellschaft in diesem Bereich nicht so stark organisiert.

Was meinen Sie genau, wenn Sie sagen, Herausforderungen werden politischer Autorität untergeordnet?
Ein gutes Beispiel ist Japan. Es war intern bekannt, dass der Kraftwerksbetreiber Tepco mangelhafte Sicherheitsstandards in seinen Reaktoren hatte. Aber es wurde nichts getan, weil die Eliten das nicht wollten. Häufig ist zu beobachten, dass Probleme ignoriert werden, weil es politisch nicht opportun ist, etwas zu unternehmen. Gerade in der Atomindustrie ist dies der Fall. Das global auffälligste Beispiel ist die Endlagerfrage. Jeder kennt dieses ungelöste Problem. Aber es haben zu viele Institutionen ein Interesse daran, dass die Atomkraft trotzdem weiterhin genutzt wird, nicht zuletzt weil sehr viel Geld drinsteckt. Also werden keine Konsequenzen gezogen.

Scott Valentine ist seit Anfang August Professor für Energie- und Klimapolitik an der City University of Hong Kong, zuvor war der Kanadier jahrelang an der Universität Tokio tätig.
Scott Valentine ist seit Anfang August Professor für Energie- und Klimapolitik an der City University of Hong Kong, zuvor war der...Foto: promo

Zwei Faktoren, die für den Einstieg in die Atomkraft zu vermuten wären, erwähnen Sie gar nicht: Das sind die Rohstoffvorkommen im eigenen Land sowie der Einfluss der internationalen Gemeinschaft.

Gewissermaßen sind beide Elemente schon im Modell. Der Besitz von Rohstoffen ist indirekt in die nationale Energiepolitik mit eingebunden: wer kaum Rohstoffe hat, wird als Staat seine nationale Energiepolitik entsprechend lenken. Und wenn die Regierung sehr einflussreich in der nationalen Wirtschaftsentwicklung ist, spielt internationaler Druck auch nicht so eine große Rolle. Ein Beispiel wäre da Iran, das darauf besteht, Uran anzureichern, obwohl die USA und andere Länder großen Druck dagegen ausüben. Es geht sogar um Handelssperren, aber Iran lässt sich nicht beirren. Womöglich passt auch Nordkorea in dieses Bild.

Ihr Buch kam im Mai 2012 heraus, also bevor die japanische Regierung ankündigte, aus der Atomkraft aussteigen zu wollen. Auch der Wiedereinstieg kurz danach kam erst nach Ihrer Veröffentlichung. Welcher der beiden Schritte ist nun die Überraschung?

Eigentlich keiner der beiden. Der Reaktorunfall in Fukushima ist die größte Katastrophe seit Tschernobyl. Dass es danach nicht einfach so weitergehen konnte, war klar. Die Menschen in Japan gingen auf die Straße, was nicht gerade typisch für Japaner ist. Es war politisch notwendig, zunächst alle Reaktoren herunterzufahren. Aber im Grunde sind Politik und Wirtschaft auch nach Fukushima sehr eng verflochten und die Zivilgesellschaft eben doch nicht stark genug. Die Technokraten sind zudem nicht nur mächtig, sie sind häufig auch noch Ingenieure. Sie neigen dazu, Probleme mit Technik zu lösen. Ein Atomausstieg ist da von vornherein keine Option. Es herrscht eine atomgläubige Ideologie. Alle der sechs Faktoren treffen noch immer auf Japan zu, langfristig wird das Land also an der Kernkraft festhalten.

Können Sie mit Ihrem Modell auch erklären, warum Deutschland aus der Atomkraft aussteigt?

Der Fall Deutschland deutet darauf hin, dass dies der Fall ist, durch die starke Anti-Atomkraftbewegung ist einer der sechs Faktoren des Modells für eine Nutzung der Atomkraft weggefallen. Mich überrascht in Deutschland nur, dass der Atomausstieg erst so spät gekommen ist.

Und wer sind die nächsten Kandidaten, die Atomkraft zu nutzen?

Iran ist ein klarer Kandidat, auch in Malaysia und Indonesien könnte sie kommen, wobei es dort starke Opposition gibt und es darauf ankommt, wie einflussreich die Regierung in Zukunft ist. China nutzt die Atomkraft bereits und wird groß investieren, die USA dagegen stagnieren. Anderswo ist ein Einstieg unwahrscheinlich, unter anderem in Australien, obwohl das Land über viel Uran verfügt und es auch exportiert.

Wird Fukushima die Atomenergie international unbeliebter machen?

Nicht flächendeckend. Die atomfreundlichen Eliten werden noch stärker versuchen, die Atomkraft zu fördern. Japan, wo kritische Informationen gezielt zurückgehalten werden, um weitere Konflikte zu vermeiden, ist ein Paradebeispiel. Deswegen kommt es fast ausschließlich auf die Medien und die Zivilgesellschaft an. Und da ist Deutschland bisher eine Ausnahme.

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