Politik : Atommüll: Ende offen

Dagmar Dehmer

Der relative Friede wird nicht von langer Dauer sein. Zwar hat es Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) Anfang Dezember geschafft: Das Atomausstiegs-Gesetz hat den Bundestag passiert. Die größten Auseinandersetzungen stehen allerdings noch bevor. Denn die Frage, was mit dem radioaktiven Müll aus der friedlichen Nutzung der Kernenergie geschehen soll, ist - nicht nur in Deutschland - noch ungeklärt.

Seit 1999 hat Trittin die Aufgabe, ein geeignetes Verfahren für die Suche nach einem Endlager-Standort zu finden, dem Arbeitskreis Endlager (AKEnd) übertragen. Die 16 Wissenschaftler - Physiker, Geologen aber auch ein Sozialwissenschaftler und ein Experte für die Öffentlichkeitsarbeit - haben vom Umweltministerium zwei Vorgaben bekommen. Sie sollen nach nur einem einzigen Endlager suchen, in dem hoch-, mittel- und schwachradioaktive Abfälle gemeinsam gelagert werden können. Die Alternative wäre, für jede der drei Abfallarten ein eigenes Endlager zu finden. Die zweite Vorgabe: Der Arbeitskreis soll einen Weg finden, wie die Öffentlichkeit von Anfang an an der Suche beteiligt werden kann.

Der AKEnd tut sich mit beiden Vorgaben schwer. Im zweiten Zwischenbericht des Gremiums formulieren die Wissenschaftler starke Bedenken gegen das Ein-Endlager-Konzept des Umweltministers. Sie halten es für notwendig, die unterschiedlich strahlenden Abfälle aus den Atomkraftwerken, aber auch aus der Industrie oder der Forschung - bei denen überwiegend schwach radioaktiver Müll anfällt - getrennt voneinander zu lagern. Das sei zwar auch in einem Endlager möglich. Problematisch findet der AKEnd jedoch, dass die unterschiedlich strahlenden Abfälle je nach Umgebung und Verpackung verschiedene Gase erzeugen können. In dem geschlossenen Gestein könnte so ein Überdruck entstehen. Käme Flüssigkeit dazu, könnte es zur Korrosion von Atommüllbehältern kommen, wobei neue Gase entstehen könnten. Dieses Problem sei leichter in den Griff zu bekommen, wenn mehrere Endlager für die jeweiligen Abfallsorten gebaut würden.

Obwohl das Umweltministerium starke Bedenken gegen die Eignung des bisherigen Endlager-Standortes Gorleben formuliert hat, gelangen die Wissenschaftler bisher zu dem Schluss, dass neben Salz (Gorleben) lediglich Ton als geeignetes Umgebungsmaterial für Atommüll in Frage käme. Bei harten aber letztlich weniger dichten Mineralien wie Gneis und Granit, die in Süddeutschland häufiger verfügbar sind, sieht der AKEnd eine Reihe schwer lösbarer technischer Probleme. So könnte Radioaktivität durch Risse im Gestein entweichen. Zudem gebe es nur wenig Erfahrung damit, wie in solch festem Gestein tiefe Tunnel gegraben und wieder sicher verschlossen werden könnten. Das spräche gegen die Parole, die Trittin zuletzt in der Bundestagsdebatte um das Ausstiegsgesetz ausgegeben hatte: Es dürfe nicht sein, dass in Süddeutschland mit der Erzeugung von Atomstrom Geld verdient werde und der Norden auf dem Abfall sitzen bleibe.

Das Akzeptanzproblem in der Bevölkerung würde allerdings mit mehreren Endlager-Standorten eher noch größer. Schließlich will niemand Atommüll in seiner Nachbarschaft haben. Deshalb ist die verlangte Öffentlichkeitsbeteiligung für den AKEnd eine noch viel härtere Nuss. Im zweiten Zwischenbericht liest sich das Kapitel "Öffentlichkeit" unfreiwillig komisch. Da ist die Rede vom "dialogischen Feld", von Verhandlungsgruppen und "virtuellen Foren".

Dass daraus eine fruchtbare Diskussion wird, ist vorläufig noch nicht abzusehen. Aber die Physiker wollen sich in den kommenden Monaten verstärkt von PR-Experten beraten lassen. Michael Schroeren, Sprecher des Umweltministeriums, hält es jedenfalls für "unerlässlich", dass von Anfang an ein "nachvollziehbares Verfahren" für die Suche nach einem Endlagerstandort gefunden wird.

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