Atommüll-Endlager : "Glaube ersetzt keine Sicherheitsanalyse"

Chef des Bundesamtes für Strahlenschutz, Wolfram König, fordert Endlagersuche nach Schweizer Vorbild. Dort haben die Bürger volle Einsicht; außerdem gibt es verbindliche Kriterien.

König
Der Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz, Wolfram König. -Foto: dpa

Herr König, wie viel radioaktive Abfälle sind bisher schon angefallen?

Bis Ende 2007 gab es schon rund 12 500 Tonnen abgebrannte Brennelemente. Ein Teil davon ging bis 2005 in die Wiederaufarbeitungsanlagen von La Hague und Sellafield. Diese stark strahlenden und heißen Abfälle enthalten 99,9 Prozent der Radioaktivität, die insgesamt in den in Deutschland zu entsorgenden Abfällen enthalten ist. Hinzu kommen gut 120 000 Kubikmeter Abfälle, die schwach- und mittelaktiv sind.

Wo lagert all das bisher?

Die schwach aktiven Abfälle lagern großteils im bundeseigenen Forschungszentrum Karlsruhe. Die Industrie lagert außerdem rund 40 000 Kubikmeter an verschiedenen Standorten. Für den hochaktiven Müll gibt es die großen Zwischenlager in Gorleben, Aahaus und Lubmin und die Lager an allen Kraftwerksstandorten, die nach dem Atomkonsens von 2001 errichtet wurden.

Wie sicher sind diese Lager? Sind sie gegen Terrorangriffe geschützt?

Wir haben durchgesetzt, dass die neuen Lager für die Brennelemente auch dem Aufprall großer Passagiermaschinen so weit standhalten müssen, dass keine katastrophalen Auswirkungen die Folge sind.

Wie viel Atommüll würde zusätzlich entstehen, wenn die Laufzeit der Atomkraftwerke um zehn Jahre verlängert würde?

Pro Atomkraftwerk und Jahr ist mit bis zu 30 Tonnen hochaktivem Abfall zu rechnen. Mit dem vereinbarten Ausstieg fallen bis zur Abschaltung des letzten Kraftwerks noch rund 4600 Tonnen zusätzlich an. Eine Verlängerung der Laufzeiten um zehn Jahre würde diese Menge auf etwa 9000 Tonnen verdoppeln.

Der Atommüllberg wächst schon seit vier Jahrzehnten. Aber noch immer haben wir kein Endlager. Sind andere Länder weiter?

Noch hat kein Land der Welt ein Endlager für hochaktive Abfälle. Am weitesten fortgeschritten sind die Pläne für ein Lager in Granitgestein in Finnland. Auch Schweden sucht in Granit, Frankreich und die Schweiz in Tongestein. Deutschland hat bisher nur die mögliche Lagerung im Salzstock von Gorleben gründlicher erforscht. Über das Vorhandensein weiterer potenziell geeigneter Gesteinsformationen aus Granit, Ton und Salz wurden Studien erstellt. Aber eine vergleichende Prüfung verschiedener Standorte nach dem Stand von Wissenschaft und Technik hat bisher nicht stattgefunden.

Was spricht denn gegen den weitgehend erforschten Salzstock in Gorleben?

Erstens ist der Salzstock noch nicht abschließend erkundet. Zweitens erfordert eine Abschirmung der hochradioaktiven Abfälle von der Umwelt für eine Million Jahre den in Deutschland bestmöglichen Standort, um auf der sicheren Seite zu sein. Bei Gorleben gab es nie einen systematischen Standortvergleich mit vorher festgelegten Sicherheitskriterien. Es fehlte auch eine Öffentlichkeitsbeteiligung, wie sie sogar für jeden größeren Straßenbau heute vorgeschrieben ist.

Die große Koalition hat versprochen, in dieser Legislaturperiode eine „Lösung“ für das Problem zu finden. Aber es geschieht nichts. Wer ist schuld am Stillstand?

Die Unionsparteien stellen sich strikt gegen ein Auswahlverfahren, das mehrere Standorte einschließlich Gorleben vergleicht. Manche behaupten, es gebe keine technischen Probleme mehr, nur noch politische. Aber das ist falsch. Selbst wenn wir heute die Erkundung weiterführen, wüssten wir erst mit einem Planfeststellungsbeschluss in 15 Jahren, ob der Salzdom von Gorleben wirklich geeignet ist.

Aber die Chancen dafür stehen gut, oder?

Selbst wenn es so wäre, ist völlig offen, ob dieses Verfahren am Ende auch vor den Gerichten Bestand hat. Klagende Bürger könnten immer darauf pochen, dass es besser geeignete Standorte gebe, diese aber nicht untersucht wurden. Im schlimmsten Fall hätten wir dann nach 20 Jahren einen geologisch geeigneten Standort, der aber wegen Verfahrensmängeln nicht genehmigt werden kann. Ich appelliere daher dringend an die Politik, ein Suchverfahren zu starten, wie es etwa die Schweizer machen.

Wie läuft es dort?

Die Schweizer Behörden haben vorher klare Sicherheitskriterien definiert, die den Maßstab setzen, an dem alle infrage kommenden Standorte gemessen werden. Außerdem haben die Bürger volle Einsicht, sogar für Betroffene aus den Nachbarländern ist das Verfahren offen. Nur so kann man auch die Bürger dafür gewinnen. In Gorleben wurde viel Vertrauen verspielt, weil zuerst der Standort bestimmt wurde und dann erst die Sicherheitsanforderungen. Für die notwendige Akzeptanz in der Bevölkerung ist auch der Atomkonsens entscheidend, weil die Begrenzung der Laufzeiten auch die Abfallmengen begrenzt. Wachsen die aber fortwährend weiter, ist eine breite Zustimmung schwer zu erreichen.

Eine Art illegales Endlager haben wir ja schon, das alte Salzbergwerk Asse, wo bis 1978 schon 125 000 Fässer mit Atommüll abgekippt wurden. Jetzt droht das Bergwerk abzusaufen. Wie gefährlich ist das?

Das müssen das Aufsicht führende Umweltministerium in Niedersachsen und der Betreiber, das Helmholtz-Zentrum München beurteilen. Offiziell handelt es sich ja nur um ein Forschungsbergwerk, für das der Bundesumweltminister und meine Behörde nicht zuständig sind. Wir beteiligen uns aber an der Untersuchung von verschiedenen Methoden zur Stabilisierung der Grube, so dass auch die mögliche Rückholung des Abfalls geprüft werden kann. Ob eine solche Bergung am Ende einen sicherheitstechnischen Vorteil gegenüber der vom Betreiber vorgesehenen Flutung bringt, lässt sich jetzt noch nicht sagen

Der Bevölkerung ist 30 Jahre erzählt worden, es könne gar nichts passieren. Jetzt heißt es, wir wissen es nicht so genau.

Da wurde Glaubwürdigkeit verspielt. Beim Endlager für den hochaktiven Abfall ist dies nur durch ein wirklich offenes Verfahren wiedergutzumachen. Darum sind Behauptungen, die Eignung oder Nichteignung von Gorleben sei schon bewiesen, nicht hilfreich. Da werden auf beiden Seiten Sicherheitsanalysen durch Glaubensbekenntnisse ersetzt. Außer weiterem gegenseitigem Misstrauen werden wir damit nichts erreichen.

Wolfram König (50) ist seit 1999 Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz in Salzgitter, das die Lagerung von Atommüll überwacht.

Das Gespräch führte Harald Schumann.

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