Atommüll-Endlager : Unendliche Geschichte

Das Zwischenlager Gorleben hat eine Betriebsgenehmigung für 40 Jahre. Das eigentliche Problem, die Endlagerung des Atommülls, ist nach wie vor ungelöst. Die Suche nach einer letzten Ruhestätte für die radioaktiven Abfälle dauert an.

Hannover - Eigentlich ist es eine simple Rechenaufgabe: Im Jahr 1995 erhielt das Zwischenlager Gorleben eine Betriebsgenehmigung zur Zwischenlagerung von hochradioaktivem Müll aus der Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente - befristet auf 40 Jahre. Theoretisch hat die Bundesregierung, die für die sichere Endlagerung der hochradioaktiven Rückstände aus der Stromproduktion in Atommeilern zuständig ist, damit also noch fast 30 Jahre Zeit, einen endgültigen Standort für die Lagerung von Atommüll zu bestimmen, seine Sicherheit zu erkunden und dann auszubauen.

Zweifel daran, ob der Bund seiner Verpflichtung pünktlich nachkommt, sind dennoch angebracht. Die Geschichte der deutschen Endsorgungspolitik ist eine fast unendliche Geschichte von Richtungsänderungen und langjährigen Verzögerungen. Das erste deutsche Atomkraftwerk ging bereits 1966 in Grundremmingen ans Netz - das ist jetzt 40 Jahre her. Aber erst am 22. Februar 1977 gab der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) dem Drängen der Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt (SPD) nach. Albrecht traf die Entscheidung, Gorleben direkt an der innerdeutschen Grenze im äußersten nordöstlichen Zipfel der Bundesrepublik zum Standort des geplanten großen Nationalen Entsorgungszentrums (NEZ) zu machen.

Wiederaufarbeitung politisch nicht durchsetzbar

Aus dem gigantischen Projekt einer eigenen deutschen Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) ist bekanntlich nichts geworden, weder in Gorleben noch in Wackersdorf oder anderswo. Unter dem Eindruck massenhafter Proteste erklärte Albrecht 1979 im Landtag, das Projekt der Wiederaufarbeitungsanlage sei "politisch nicht durchsetzbar". Was aber alle Proteste vor Ort nicht verhindern konnten, war der Bau erst eines Lagers für schwach radioaktive Abfälle, dann des Zwischenlagers für den hochradioaktiven Müll, das nun alljährlich im November für Schlagzeilen sorgt, wenn die Castoren kommen. Bereits fertig ist außerdem die Pilotkonditionierungsanlage in Gorleben. Die wird gebraucht, um im Falle von Undichtigkeiten an den Behältern den plutoniumhaltigen Müll neu zu verpacken.

Im September 1977 stellte die zuständige Bundesbehörde zudem einen Antrag zur Einleitung eines atomrechtlichen Planfeststellungsbeschlusses für ein Endlager im Gorlebener Salzstock zur Lagerung hoch radioaktiver Abfälle. 1985 begann die Erkundung. Zwar wurde Niedersachsen ab 1990 von der SPD regiert und wehrte sich nach Kräften. Die unionsgeführte Bundesregierung aber setzte durch, dass der Salzstock weiter auf seine Tauglichkeit erkundet wurde.

Erst zwei Jahre nach dem Antritt von Rot-Grün in Berlin verkündete Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) im Jahr 2000 ein auf bis zu zehn Jahre befristetes Moratorium für die Erkundung. Nun ist Trittins sozialdemokratischer Nachfolger Sigmar Gabriel am Zug. Die Koalitionsvereinbarung mit CDU/CSU verpflichtet ihn zu einer zügigen Bestimmung des Standorts eines Endlagers für den hoch radioaktiven Abfall.

Gorleben ungeeignet als Endlager

Unionspolitiker laufen Sturm gegen seine Überlegung, mit der berühmten "weißen Landkarte" noch einmal ganz von vorne zu beginnen. Dieser Begriff steht dafür, quer durch die Republik weitere geeignete unterirdische Standorte zu suchen. Gabriel versah seinen Vorschlag aber mit einem Zusatz, der die Wendländer pünktlich zum Castor-Transport auf die Barrikaden trieb. Im Gegenzug zur neuen Standortsuche will er das Moratorium für Gorleben aufheben und den Salzstock weiter auf Eignung untersuchen lassen. Das Problem für Gorleben dabei: Stellt sich der Salzstock als geeignet heraus, wird sich die Energiewirtschaft gegen jede alternative Standortsuche sperren. Denn in Gorleben ist bereits mehr als eine Milliarde Euro investiert worden.

Hat allerdings Greenpeace recht, könnte die Politik ein Problem bekommen. Die Umweltschutzorganisation veröffentlichte passend zum neuen Castor-Transport eine neue Studie. Danach ist der Salzstock völlig ungeeignet, weil das Grundwasser nicht zu kontrollieren ist: Es fehle eine ausreichende Deckschicht über dem Salz. Bestätigt die amtliche Eignungsprüfung die Zweifel, wird aus dem Zwischenlager Gorleben ein Durchgangslager - wohin auch immer. (Josef Harnischmacher, AFP)

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