Politik : Atommüll: Neuer Treibstoff für die Skandalfabrik

Dagmar Dehmer

Trotz aller Debatten über die Skandale in Sellafield haben deutsche Atomkraftwerks-Betreiber zum ersten Mal seit drei Jahren wieder abgebrannte Brennstäbe in die Wiederaufarbeitungsanlage im Nordwesten Englands transportiert. Am Dienstag sind die fünf Castoren aus Neckarwestheim und Biblis angekommen - empfangen von einem einsamen Demonstranten.

Es ist kein Wunder, dass kaum jemand protestiert. Denn Arbeitsplätze sind Mangelware in der Grafschaft Cumbria. Zwar liegt dort das beliebteste Erholungsgebiet der Insel, der Lake District, doch selbst der ist verlassen - von Menschen und Schafen. Die Maul- und Klauenseuche, die Mitte Februar genau hier ausgebrochen war, hat ein ödes Land zurückgelassen. Die Schafe sind vernichtet, die Bauern verzweifelt, und der Tourismus in diesem Jahr tot. Sellafield ist der größte Arbeitgeber der Region. Rund 6000 Menschen arbeiten direkt für den Atomkonzern British Nuclear Fuels Limited (BNFL), weitere 4000 Jobs hängen davon ab. Für die Menschen in Cumbria ist die strahlende Fracht aus Deutschland sogar ein Zeichen der Hoffnung, denn im vergangenen Jahr standen die Fabriken fast vor dem Aus.

Es war nur einer von vielen Skandalen, doch die Krise war für die BNFL gefährlicher als jede zuvor. Schon im September 1999 musste der Konzern zugeben, dass Daten über Mox-Brennelemente - sie bestehen aus Uran und Plutonium - systematisch über Jahre gefälscht worden waren. Im Dezember kündigten die BNFL-Kunden in Japan ihre Geschäftsbeziehungen, weil sie mit Mox-Brennelementen beliefert worden waren, deren Qualitätskontrollen gefälscht waren. Japan, der größte BNFL-Kunde, verlangte die Rücknahme der Lieferungen. Die britische Atomaufsichtsbehörde reagierte im Februar 2000 und verlangte von BNFL, entweder "aufzuräumen oder zu schließen". Drei Tage später wurden auch in Deutschland, im Atomkraftwerk Unterweser, gefälschte Unterlagen der BNFL gefunden. Der Betreiber Preussen-Elektra (heute Eon) musste das Kraftwerk zeitweise schließen. Ende Februar gab das BNFL-Management auf, der Chef des Staatsunternehmens, John Taylor trat zurück. Mit Hugh R. Collum, dem neuen BNFL-Chef sollte alles besser werden. Er fand im Geschäftsbericht sogar bemerkenswert klare Worte über die mangelnde Sicherheitskultur in Sellafield. Zumal er miserable Zahlen präsentieren musste. Der Konzern machte im Jahr 2000 den höchsten Verlust seiner Geschichte: 237 Millionen Pfund (rund 711 Millionen Mark).

Trotz aller Bemühungen, das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen, steht es um die "Sicherheitskultur" in Sellafield aber noch immer schlecht. Erst Mitte Februar berichtete die Tageszeitung "Guardian" erneut von einer Beinahe-Katastrophe. Rund 2000 Tonnen hochradioaktiver Abfälle hätten explodieren können. Arbeiter ignorierten mehr als zwei Stunden lang einen Alarm, der anzeigte, dass sich in den Atommüllbehältern explosive Gase bildeten. Hätte sich der Prozess weitere zehn Stunden fortgesetzt, wären die Tanks explodiert, kritisieren Atom-Experten. BNFL kommentierte das Verhalten der Arbeiter als "inadäquat", behauptete aber, die Situation sei zu keiner Zeit außer Kontrolle gewesen.

Nicht immer ist das Desaster so nahe, wie an diesem 26. Januar 2001. Aber die Atomfabriken in Sellafield sind auch im Normalbetrieb nicht ungefährlich. Seit Jahrzehnten wird schwach radioaktiver flüssiger Abfall über ein langes Rohr einfach in die Irische See geleitet. Ende Januar berichtete der "Guardian" über eine weitere dauernde Gesundheitsgefährdung: Das Unternehmen entlässt nach wie vor radioaktives Krypton über einen hohen Schornstein in die Luft, und das 20 Jahre nachdem die britische Regierung es verpflichtet hat, das gefährliche Gas aufzufangen.

Auch wenn die Kette der großen und kleinen Skandale nicht abreißt. Die deutschen Atomkraftwerksbetreiber haben noch bis 2005 Wiederaufarbeitungsverträge mit der BNFL und zeigen keine Neigung, sie wegen der Sicherheitsmängel in Sellafield zu kündigen. Solange das nicht passiert, wird sich die britische Regierung hüten, auch noch die letzten Arbeitsplätze in der Krisenregion Cumbria aufs Spiel zu setzen.

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