Politik : Atomplan oder Altpapier?

Experten streiten über Bedeutung der 3000 Seiten Akten / Exil-Forscher: Bombenbau nicht möglich

Birgit Cerha

Mit düsteren Warnungen begannen die führenden Waffeninspekteure Hans Blix und Mohammed Al-Baradei am Sonntag in Bagdad zweitägige Gespräche mit dem irakischen Regime. Ein Krieg sei „nicht unvermeidlich“, stellte Blix gegenüber Journalisten fest, doch nur, wenn Bagdad künftig aktiv mit den Inspekteuren kooperiere. Diplomatische Kreise werten die Mission der beiden Inspekteure als „die letzte Chance“, die die UN dem Irak einräumen, bevor das Expertenteam am 27. Januar seine bisherigen Funde dem Weltsicherheitsrat präsentiert.

Das Misstrauen gegenüber Iraks Beteuerungen, dass es keinerlei Massenvernichtungswaffen mehr besitze, wächst. Am Donnerstag fanden die UN-Experten im Bagdader Wohnhaus des Atomwissenschaftlers Faleh Hassan rund 3000 Seiten an Dokumenten, die sich mit der Anreicherung von Uran durch Laserstrahlen befassen.

Zwar deutet alles darauf hin, dass es sich um veraltete Papiere handelt, doch nährt der Fund den von den USA immer wieder erhobenen und nun auch von Blix geäußerten Verdacht, dass die irakische Führung nicht ausreichend mit den Waffeninspekteuren zusammenarbeitet. Hassan warf unterdessen den UN-Experten „Mafia-Methoden“ vor. Einen Moment von der offiziellen irakischen „Eskorte“ unbeobachtet, hätte ein Mitglied des Inspektionsteams dem Atomwissenschaftler angeboten, ihn und seine kranke Frau für eine medizinische Behandlung ins Ausland zu bringen. „Niemals, niemals werde ich mein Land verlassen“, betonte Hassan zornig gegenüber Journalisten.

Hassan und auch die irakische Regierung bezeichnen die gefundenen Dokumente als völlig „irrelevant". Kurz zuvor hatte ein führender irakischer Atomwissenschaftler in einem Interview mit der ägyptischen Zeitung „Al Ahram“ den Amerikanern und Engländern eine „Desinformations-Kampagne“ über das irakische Atomwaffenprogramm vorgeworfen. Der in den USA und England ausgebildete Physiker und Atomexperte Imad Khadduri hatte von 1968 bis zu seiner Emigration nach Kanada 1988 eine leitende Rolle beim Aufbau des irakischen Nuklearprogramms gespielt und ist deshalb in einer einzigartigen Position, Iraks gegenwärtiges Potenzial in diesem Bereich zu beurteilen.

Entschieden weist Khadduri Behauptungen zurück, Bagdad könnte in der nächsten Zukunft Atombomben produzieren. Das irakische Atomwaffenprogramm „wurde 1991 zerstört und das gesamte Team der Atomwissenschaftler und -ingenieure wurde daraufhin für den Wiederaufbau der im Kuwait-Krieg zerbombten Kraftwerke, Ölraffinerien und Telekommunikationssysteme eingesetzt". Er selbst habe in jener Zeit „jeden einzelnen Atomwissenschaftler“ besucht, der in den Wiederaufbauprojekten engagiert war. „Keines dieser Projekte war in irgendeiner Weise in die Fortsetzung des Atomwaffenprogramms verwickelt.“

1991 verfügte der Irak nach Aussagen Khadduris über zahlreiche im ganzen Land verstreute Komplexe, die der Nuklearwaffenproduktion dienten. Doch Bagdad konnte sich nicht ausreichende Mengen von angereichertem Uran beschaffen, um eine Bombe herzustellen. Khadduris Feststellungen stimmen mit den Erkenntnissen der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) überein, dass es „keine Hinweise darauf gibt, dass der Irak bei seinen Versuchen zur Produktion von Nuklearwaffen erfolgreich war“ oder dass er „mehr als einige Gramm“ von angereichertem Uran produziert hätte. Nur ganz wenigen Experten gelang in den vergangenen Jahren aber die Flucht aus dem Irak.

0 Kommentare

Neuester Kommentar