Atomstreit : Türkei will atomarer Treuhänder Irans sein

Ankara sieht eine Chance, um die eigene regionale Rolle zu demonstrieren: In Zukunft will die Türkei treuhänderisch niedrig angereichters Uran aus dem Iran lagern. Dafür müsste extra ein Zwischenlager gebaut werden.

Susanne Güsten

IstanbulDie Türkei bringt sich als wichtiger Akteur bei den Bemühungen zur Entschärfung des Atomstreits zwischen dem Westen und dem türkischen Nachbarn Iran ins Gespräch. Außenminister Ahmet Davutoglu berichtete am Montag von intensiven Kontakten hinter den Kulissen. In den letzten zehn Tagen seien die Telefondrähte zwischen Ankara, Teheran, der US-Regierung und der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien heißgelaufen, sagte Davutoglu. Durch eine positive Rolle im Atomstreit will Ankara dem Westen und besonders der EU vor Augen führen, wie wichtig eine Türkei mit guten Verbindungen zur islamischen Welt sein kann.

IAEA-Chef Mohammed el Baradei hat vorgeschlagen, etwa 1,2 Tonnen niedrig angereichertes Uran aus dem Iran in der Türkei zu lagern. Das Material soll später in Frankreich oder Russland zu Brennstäben für die zivile Nutzung weiter verarbeitet werden; diese Brennstäbe wären für den Bau von Atombomben nicht verwendbar. Im Gegenzug sollen die Iraner höher angereicherte Brennstäbe für den Einsatz in einem Reaktor in Teheran erhalten.

Der Vorschlag bietet einen Ausweg aus dem Atomstreit zwischen den fünf Ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats und Deutschland auf der einen und den iranischen Behörden auf der anderen Seite: Mit der Zwischenlagerung in der Türkei könnte der Westen sicher sein, dass die Iraner nicht genug Uran zum Bau einer Bombe haben. Und mit der Lieferung der Brennstäbe für den Teheraner Reaktor könnten die Iraner ihr Atomprogramm fortsetzen.

Irans Präsident Mahmut Ahmadinedschad hat die Türkei-Lösung begrüßt, doch andere iranische Politiker haben sich ablehnend geäußert. Davutoglu betonte, das Problem sei nicht die Türkei, sondern genereller Widerstand innerhalb des Iran gegen eine Verschickung von Uran ins Ausland. „Die Iraner vertrauen uns“, sagte Davutoglu. Eine offizielle Antwort der Iraner auf Baradeis Vorschlag steht noch aus.

In jüngster Zeit hatte sich das Verhältnis zwischen Ankara und Teheran stark verbessert. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan verteidigte sogar öffentlich das Recht der Iraner auf eine friedliche Nutzung der Atomenergie. Davutoglu trat dem Eindruck entgegen, dass diese Annäherung auf Kosten der westlichen Orientierung seines Landes gehe. Die Türkei als Nachbar Irans würde unter neuen Spannungen leiden und wolle weitere Wirtschaftssanktionen und erst recht eine militärische Kontrontation verhindern. „Dasselbe würden wir auch tun, wenn andere Nachbarn betroffen wären, etwa Griechenland, Georgien oder sogar Israel.“

Nur einen kleinen Haken gibt es aus türkischer Sicht: Das Land hat kein eigenes Atomprogramm und müsste daher für das iranische Uran ein eigenes Zwischenlager bauen. Das sei aber kein Problem, sagte Energieminister Taner Yildiz. Die Türkei werde alles tun, um bei der Entschärfung des potenziell gefährlichen internationalen Konflikts zu helfen: „Wir können nicht Nein sagen.“

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben