Atomstreit : Zwang zur Harmonie

Im Streit um das iranische Atomprogramm haben sich der französische Präsident Jacques Chirac und sein US-Kollege George W. Bush um Geschlossenheit bemüht.

New York - Frankreich und die USA hätten in dieser Frage "durchaus denselben Ansatz", sagte Chirac nach einem Treffen mit Bush am Rande der UN-Generalversammlung in New York. Bush sagte, die USA seien bereit, sich den internationalen Verhandlungen mit dem Iran anzuschließen, sobald Teheran seine Aktivitäten zur Uran-Anreicherung nachprüfbar ausgesetzt habe. US-Außenministerin Condoleezza Rice warnte die internationale Gemeinschaft vor einem Verlust an Glaubwürdigkeit beim Verzicht auf Sanktionen.

Bush und Chirac trafen sich vor der Debatte am UN-Sitz. Vor dem Plenum sollten beide das Wort ergreifen, aber auch Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad. Am Vortag hatte Chirac als erster hochrangiger europäischer Vertreter die von den USA geforderten UN-Sanktionen gegen den Iran zum jetzigen Zeitpunkt ausdrücklich abgelehnt. Zugleich machte er die Aussetzung der besonders umstrittenen Uran-Anreicherung im Iran nicht mehr zur Vorbedingung für Gespräche mit Teheran. Heute präzisierte er aber, zum "Beginn" der Gespräche solle Teheran das Programm stoppen.

Washington hatte auf Chiracs Vorstoß zunächst zurückhaltend reagiert, ihn dann aber als Teil einer Doppel-Strategie der internationalen Gemeinschaft gewertet. Dabei sollen die USA ein weiteres Vorgehen des Sicherheitsrates vorbereiten, während die Europäer die Dialogbereitschaft Teherans ausloten. Die Sechser-Gruppe aus den fünf ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates und Deutschland könne einen Verzicht auf Sanktionen anbieten, hatte Chirac am Montag gesagt; der Iran könne dann "während der Dauer der Verhandlungen" auf die Anreicherung verzichten. Die Außenminister der Sechser-Gruppe und Italiens sollen am späten Abend in New York beraten.

Rice drängte Frankreich, China und Russland, in Sanktionen einzuwilligen, wenn Teheran nicht einlenken und die Anreicherung von Uran aussetzen wolle. "Ich bin recht zuversichtlich, dass keiner dieser Staaten will, dass der Iran eine Atomwaffe hat, und dass sie verstehen, dass wir echte Gefahren vor uns haben, solange die internationale Gemeinschaft nicht glaubwürdig in dem ist, was sie zuvor gesagt hat", sagte die US-Chefdiplomatin im US-Fernsehsender NBC. Dabei berief sie sich auf die UN-Resolution 1696. Darin hatte der UN-Sicherheitsrat Teheran im Juli eine Frist bis zum 31. August gesetzt, um die Uran-Anreicherung zu stoppen; ansonsten drohten Sanktionen.

Rice gesprächsbereit

Im US-Sender ABC bekräftigte Rice, dass sie bei einem iranischen Einlenken bereit sei, die Iraner persönlich zu treffen. Die USA unterhalten seit der Stürmung der US-Botschaft in Teheran während der Islamischen Revolution 1979 keine Beziehungen mehr zu dem Land. Wenn sich der Iran aber bereit erkläre, die Uran-Anreicherung auszusetzen, seien die US-Vertreter bereit, sich "erstmals seit Jahrzehnten" mit den Iranern an einen Tisch zu setzen. Dabei solle es dann um ein Ende der iranischen "Atom-Ambitionen" und einen Weg für den Iran in das internationale System gehen. "Ich würde meinen Kollegen überall und jederzeit treffen, sobald der Iran seine Anreicherungs- und Wiederaufbereitungs-Aktivitäten ausgesetzt hat."

Ahmadinedschad kündigte Vorschläge zur Lösung weltweiter Probleme an. "Die Islamische Republik Iran hat eine wirkungsvolle Methode, wie man mit der Welt umgeht", sagte der Präsident nach seiner Ankunft am UN-Sitz laut einem iranischen Fernsehbericht. Dies werde er vor der Uno zur Diskussion stellen. Der Iran werde "versuchen, einige der aktuellen Probleme der Welt zu lösen". Derzeit gebe es niemanden, der "mit Entschlossenheit sagen kann, dass die menschliche Rasse eine Zukunft hat". Ahmadinedschad äußerte sich im Vorfeld nicht dazu, ob er bei seinem Auftritt in New York auch Lösungsvorschläge zum Atomprogramm unterbreiten wollte. (tso/AFP)

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